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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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1840-18S0.

schöpft sich in zornigen und spöttischen Kennzeichnungen. Aber auchdie Tragik der Schillerschen Dramen entbehrt für ihn der Not-wendigkeit: nicht aus dem Zwang ihrer Natur, sondern von anßenher, durch das schlimme Los des Schönen auf der Erde, gehenMax Piccolomini und Maria Stnart zu Grunde. Der Idealis-mus der Stücke, die Humanität, die Naivetät etwa der Thcklaall das scheint ihm falsch, vom Dichter nur den Figuren geliehen:er sucht alles Schöne zusammen, um dem Publikum zu sageu,das bin ich." Reflexion herrsche statt der Anschauung, eine durch-gehende Grundfarbe fehle aber schon dies richtet sich -ja auchgegen die Jungdeutschen. Und ihnen wirft er nebender Schwächedes intuitiven und der Überstärke des analytischen Verstandes" dasKokettieren mit den Zeitideen vor,jenen oft kranken Paradoxiendes Denkens und Fühlens, jenen Fragen, welche die Geistreichen soaufregend beschäftigen, den Verständigen kaum ein verwnndert-mit-leidiges Kopfschütteln abnötigen können." All das zerstört inseinen Augen die Einheit der dichterischen Intention:Wir müssenalle künstlichen Gesichtspunkte vermeiden, alle fremden, pikanten Be-leuchtungen . . . Wir müssen die Sache selbst und in ihrer eigenenSauce geben." Die Sache selbst, das Leben selbst - auch nichteinen künstlichen Mechanismus, wie er ihu den Franzosen , Lessing,bühnensicheren" Effektküustlern seiner Zeit vorwirft. Die Kunstsoll sich nicht vermessen, klüger zu sein als die volle Pracht desLebens sie soll es weder zur moralischen Kinderfabel noch zumgeschickten Taschenspielerapparat Herabdrücken.

Dabei ist aber Ludwig von einer völligen Trennung derMoral von der Poesie sehr weit entfernt. Schon jene Vorwürfegegen Schiller und die Jungdentschen ruheu wesentlich auf eiuermoralistischen Basis: er sieht in den Sentenzen nnd Tendenzeneine gewisse Unehrlichkeit, mit der das Publikum über das wirklicheAussehen der Welt betrogen wird. Im Gegensatz dazu fordert er wie wir schon sahen, daß die Bühne, wie bei den Alten,wirklich belehre, belehre auch über die thatsächlichen Folgenmenschlicher Leidenschaft und Affekte. Nicht wie bei Schiller solldem Helden die Verantwortlichkeit für sein Thun abgenommen, denunglückseligen Gestirnen die größere Hälfte der Schuld zugewälztwerden; sondern wie bei Shakespeare soll der Dichter den Zu-schauern zurufen: mein Held könnte auch anders, aber er selbstwählt sich sein Verderben. Ein solches ethisches Experimentieren