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vertrüge sich immerhin noch mit Goethescher Objektivität; auchGoethe huldigte der Anschauung, wie aus dem wirklichen Leben,so müßten anch aus seiner verkleinerten Abbildung in der Knnstsich Lehrsätze gewinnen lassen wie der: Bezwinge dich selbst! AberOtto Ludwig geht mit der ganzen Lehrhaftigkeit des Thüringers,der von Luther bis Nietzsche Moral zu predigen geliebt hat (undnennte er selbst die verkündete neue Moral eine Antimoral!), mitder ganzen Neigung seiner Zeit zum Volkserziehen und Komman-dieren erheblich weiter. Im Gegensatz zu dem idealistischen Pessi-mismus Schillers und zn dem idealistischen Skepticismus derJungdeutschen fordert er ganz allgemein, daß die Poesie die krankeZeit heilen solle; ein gntes Unterhaltnngsbuch, das „gesund" ist,weil es „Liebe und Lust zum Leben giebt", ist ihm lieber als einhochstrebender Versuch, über die Übel der Gegenwart zu neuenBedingungen zu gelangen: Hackländer wird gelobt, Hebbel nurgescholten. Aber das heißt doch auch wieder fremde Gesichtspunktein die Dichtung tragen! Ludwig bekennt sich zn dem schönen, aberdoch einseitigen Losungswort: „des Herzens wahre Heimat ist dieEnge"; wie Grillparzer wird er nicht müde, des Herzens stillenFrieden als das eine, was not thut, zu preisen. Mehr als das!Sein berühmtestes Werk, der „Erbförster", ist nach seinem eigenenZengnis als ein „Warnnngsbild" gemeint: die Erregung Ludwigsüber die Instinkte der Menge, die in der Pariser Februarrevolutionhervorgebrochen waren, verlangte eine Auslösung, nnd er gab siein dieser Warnnng vor dem Vertrauen auf das instinktive Nechts-gefühl. Würde denn nun aber zu jener freudigen Hingabe an dieWirklichkeit, die Ludwig predigt, uicht auch die Freude an groß-artigen Irrtümern, an prachtvollen Ausbrüchen elementarer Gefühle,an ungeheuren Umwälzungen gehören? Tadelt doch Ludwig selbstan Goethe (mit Recht, wie ich glaube), daß er die Natur zu passivdenke: „es scheint fast, als habe er unter Natur eben nur dasPflanzenmäßige, will sagen das stille Wachsen verstanden, das insich Geschmiegte, Gebundene . . . Für den Instinkt des Kindes undNaturmenschen, der, geschlagen oder auch nnr berührt, schlägt, hatteer keinen Sinn."
Ich glaube, wir sind hier wirklich an dem wichtigsten Punktfür das Verständnis Otto Ludwigs . Der Konflikt zwischen dergepriesenen Objektivität und der natürlichen Subjektivität, zwischendem Verstand und dem Instinkt, zwischen dem rein ästhetischen Spiel