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1840—1850.
und der moralistischen Zweckmäßigkeit ist der letzte Grund für OttoLudwigs innere Kampfe, für seine Unfruchtbarkeit, für sein tra-gisches Schicksal.
Otto Ludwig ist von Hans aus ein Naturkind wie nur eines.Wir sahen, wie sein Leben fast wie ein Traum zerrinnt, in denMomente überirdischer Seligkeit mit dem wildesten Angstgefühl sichteilen; die Vorgänge der Wirklichkeit aber sind hier fast nur dieSignale, auf deren Ton hin die Reihe der Traumvorstellungen sichabspielt. In diesen selbst freilich herrscht die erstaunliche Anschau-lichkeit, die auch unsere Träume oft zeigen; es begegnet uns wohl,daß wir im Traum auf einem Firmenschild einen verkehrt gesetztenBuchstaben oder noch kleinere Einzelheiten bemerken, eine Fliegevielleicht, die sich einer Nebenperson auf die Nase gesetzt hat. WennHebbcl inspiriert war, regelte doch die innere Strenge seines Kunst-verstandes den Verlauf der Visionen zu einer geordneten Folge;bei Ludwig traten hier ganz eigentlich Hallucinationen ein. Ersah einen Freund etwa über Schlangen oder durch teppichtragendeTiroler hindurchschreiten und hielt ihn mit einem Schreckensrufzurück. Wurde diese Neigung zum wachen Träumen nnn gar durchdie intensive Beschäftigung mit einem Gegenstand genährt, so warder geradezu zum Spielball der eigenen Phantasie. Ganz prächtighat er selbst geschildert, wie sich bei ihm der dichterische Prozeßvollzog — es ist die ausführlichste Schilderung dieses ewigen Ge-heimnisses, die wir besitzen:
Es geht eine Stimmung voraus, eine musikalische, die wird mir zurFarbe, dann sehe ich Gestalten, eine oder mehrere in irgend einer Stellungnnd Gcbärdung für sich oder gegen einander, und dies wie einen Kupferstichauf Papier von jener Farbe, oder, genauer cmsgedriickt, wie eine Marmor-statuc oder plastische Gruppe, auf welche die Sonne durch ciucn Vorhangfällt, der jene Farbe hat .... Wnnderlichcrweise ist jenes Bild oder jeneGruppe gewöhnlich nicht das Bild der Katastrophe, manchmal nur einecharakteristische Figur in irgend einer pathetischen Stellung? an diese schließtsich aber sogleich eine ganze Reihe, nnd vom Stucke erscchre ich nicht die Fabel,den novellistischen Inhalt zuerst, sondern bald nach vorwärts, bald nachdem Ende zu von der erst gesehenen Situation aus schießen immer neneplastisch-mimische Gestalten und Gruppen an, bis ich das ganze Stück inallen seinen Secnen habe; dies alles in großer Hast, wobei mein Bewußt-sein ganz leidend sich verhält, und eine Art körperlicher Beängstigung michin Händen hat . . Nun sindet sich zu den Gebärden auch die Sprache.Ich schreibe auf, was ich aufschreiben kanu, aber wenn mich die Stimmungverläßt, ist mir das Ausgeschriebene nnr ein toter Buchstabe.