Der dichterische Prozeß bei Otto Ludwig . 321
Das Eigentümliche hierbei ist nicht das deutliche Erschauen derKeim-Situation: das ist wohl allen Dramatikern eigen; so erblickteLessing Nathan vor Saladin, Goethe Götz vor den Heilbronner Ratsherren und Orest von Jphigenien geheilt. Auch daß er denFiguren direkt abfragen muß, was sie sagen, ist nicht so singulär;so sah z. B. auch der große Satiriker und Sittenzeichner Gavarni (1804—1866) komische oder charakteristische Figuren oder Gruppenzum Nachzeichnen deutlich vor sich und mußte dann oft tagelangwarten, bis sie ihm die passende Legende verrieten. Vielmehrliegt das Individuelle vor allem iu der außerordentlichen Schnellig-keit, mit der sich die Scenen ablösen, dann aber anch in den musi-kalischen und koloristischen Nebenerscheinungen. Gustav Freytag fandhierin eine Art von künstlerischem Atavismus, eine Rückkehr jenerUrzeit, da für den Künstler noch alle Künste uugetrennt warenund Homer auch Werke der Schmiedekunst oder Baukunst erfand.Näher läge es Wohl, hierin eine Verwandtschaft mit der Technikdes Traums zu erblicken. Eiu pathologisches Element liegt darin,das aber doch gleichzeitig eine allgemeinere Psychologische Erklärungzuläßt: die ununterbrochene Gewöhnung, in der Betrachtungmusikalischer und poetischer Gebilde zu lebeu, die Übuug der phan-tastischen Reproduktion lehrte den Geist, mit Leichtigkeit geseheneSituationen aufzulösen und fortzuführen. Die Schnelligkeit wardnun aber zur Qual, wenn der Dichter die schwankenden Gestaltenfestzuhalten versuchte. Ein Plan kommt ihm in der Nacht undwächst „mit so riesiger Schnelligkeit", daß in einer halben Stundeein ganzes Stück vor ihm steht; die Gestalten wachsen „in rasenderSchnelle". Die Hand kommt nicht mit; dazu drängen sich charakte-ristische Nebenscenen hinzn, die nur in Eile auf dem Rand an-gemerkt werden können. Immer mehr nimmt mit der Übung desGeistes die Eile dieses inneren Aufrollens zu, immer langsamer gehtdem Kranken, dem Gelähmten, dem Kurzsichtigen, dem sein Untcr-leibsleiden die gebückte Stellung nicht anhaltend gestattet, die Feder.Ein furchtbarer Konflikt entsteht. Während die Feder stammelt,steigert sich die Jagd der Visionen fast bis zur Gedankeuflucht. Uudist die Stimmung verloren, so ist alles verloren: was zum Lebendrängte, ist dann nur noch lebloses Material.
Zu dieser wesentlich physiologischen Entwickelung kommt einzweites. Hebbel, sahen wir, war der Selbstkritik so gnt wie un-zugänglich, weil sein Dichten im wesentlichen die getreue Anwendung
Meycr, Litteratur. 21