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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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unumstößlicher Prinzipien war. Um so stärker mußte sein Anti-pode der künstlerischen Reue zugänglich sein. Je deutlicher er dieGestalten uud Scenen vor sich gesehen hatte, jede mit ihrer eigenenAtmosphäre, mit Nebenwirkungen auf all unsere Sinne, wie nnrlebendige Personen sie sonst ausüben, um so leichter mußte dieauf dem Papier fertig dastehende Dichtung abfallen. Er hattenoch so viel mehr gesehen, gehört, ja gefühlt, gerochen; nun standein blasses Abbild da. Und diese angeborene Selbstkritik wardnun noch von außen gefördert. In so vielen Punkten er sich anchmit der Zeitrichtung berührte dem Zeitgeschmack kam er nirgendsentgegen. Adols Stern, dem wir eine treffliche Biographie Ludwigsverdauten, meint zwar, der Moment wäre für Ludwigs erste Produk-tionen nicht ungünstig gewesen: eben damals habe JmmermannsMünchhausen" einer unbefangen poetischen Darstellung wieder Bahngebrochen, Anerbachs Dorfgeschichten mit ihrem starken, WillibaldAlexis ' historische Romane mit ihrem sreilich geringeren Erfolg Hütteneinen Frühling lebendiger, frisch gestaltender Poesie angekündigt.Wenn aber Kritik nnd Publikum diese Produktionen «freilich über-wiegend nicht uach Gebühr) freudig aufnahmen, so trug dazu immernoch dereu Tendenz bei: die litterarische desMünchhausen", diesociale der Dorfgeschichten, die patriotische desRolands von Berlin":aber gerade die Tendenz lehnte Lndwig ja von vornherein ab.So fehlte es nicht an kritischen Bemängelungen, an Mißerfolgenbei Verleger und Publikum. Ich weiß mm keinen hervor-ragenden Antor, der der Kritik so wie Ludwig entgegengekommenwäre. Während sonst die Schriftsteller fast ausnahmslos denRecensenten als ihren Feind ansehen, betrachtete er ihn als seinenHelfer. Er bemühte sich, jedem Tadel eine Handhabe abzugewinnen,die ihm das ganze Problem lösen helfe: die Übersetzung aus dereigenen Anschauung in das Buch. Es war aber natürlich, daßauch die wohlmeinendsten und verständnisvollsten Kritiker wieEduard Devrient nnd Julian Schmidt wiederholt Forderungenstellten, die seiner eigentümlichen Natur nun einmal nicht entsprachen.Auch das machte ihn unsicher. Er war immer bereit, zuzugeben:das war meiu Fehler! endlich entdecke ich, wie ich es hätte machensollen! so darf ich's nicht mehr anfangen! Aber um so gebiete-rischer regte sich in ihm das Bedürfnis, endlich zur Sicherheit, zueiner unumstößliche«, unfehlbaren Technik zu gelangen. Und sowarf er sich schließlich mit einem gewissen Fanatismus vor dem