Otto Ludwigs Entwickelung.
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Altar Shakespeares nieder. Hier glaubte er alles zu fiudeu, wasihm fehlte; hier wollte er alles lernen — auch was sich nie er-lernen läßt. „Das Bedürfnis, genau zu wissen, was ich wollensoll, und dies in Harmonie zu setzeu mit dem, was ich könnenmuß, brachte endlich eine große Krisis meiner ganzen Natur zu-wege" (1853). Er glaubte gerettet zu sein — er war verloren.
Denn wenn es natürlich auch eine gewisse Wahlverwandtschaftwar, die ihn zwang, gerade dem großen Briten sich willig zuergeben, so waren dennoch die Individualitäten zu verschieden, alsdaß dies Studium der poetischen Eigenart Ludwigs hätte zumdauernden Segen gereichen können. Zunächst war das Studiumselbst schon Gefahr. Von Haus aus Mittel, ward es mehr undmehr Selbstzweck. Sich bewundernd in fremde Kunst zu ver-senken, war diesem Dichter fast so großes Glück wie selbst zu schaffen;klagt er noch so oft, daß er nicht zur eigenen Produktion gelangt,wir haben doch oft die Empfindung, daß er sich nicht ganz ungernvon immer neuen Vorstudien aufhalten ließ. Dann aber, was dieHauptsache ist, trieb die Absicht seines Studiums ihn gerade dahin,alles zu betoneu, was an Shakespeare seiner eigenen Natur nichtgemäß war. Natürlich: wo irgend der große Meister von seinereigenen Art abwich, da sah der gläubige Jünger nuu ohne weitereseinen Fehler, der ihm bis jetzt hinderlich gewesen war. Ans dieseWeise entäußerte er sich der angeborenen Individualität, ohne dochirgend die des größten Genius der Weltlitteratur erreichen zukönnen.
So zerfällt also Ludwigs Produktion in zwei Hälfteil. Inder ersten schafft er zwar keineswegs ganz unabhängig von demEinfluß seiner unaufhörlichen Lektüre, aber doch wesentlich ausdem Instinkt seiner eigenen subjektiven Natur heraus; in der zweiteilsucht er sich an der Hand Shakespeares zu einer objektiven Technikzu erziehen.
Als den Grundzug der älteren Periode hat er später selbsteinen „naturalistischen Tic" bezeichnet. „Der Naturalist", definierter später, „nennt wahr, was historisch, d. h. was als geschehenbeglaubigt ist; der Idealist, was nie geschieht und, wie er meint,immer geschehen sollte; der Realist, was immer geschieht." Indiesem Sinne ist er damals Naturalist: was er gesehen, wasseine Vision beglaubigt hat, das will er wiedergeben. „Dem Natu-ralisten ist es mehr um die Mannigfaltigkeit zn thun, dem Idealisten
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