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1840—18S0.
mehr um die Einheit." Gerade aber die Mannigfaltigkeit mußteja dem weltfreudigen Optimisten am Herzen liegen.
Als ein Zögling der Romantik tritt Ludwig in die Litteraturein. Wie ganz „die wahrhaftige Geschichte von den dreiWünschen" (1842—1843) von Hoffmanns Einfluß zeugt, wurdeschon hervorgehoben; aber im Ausmalen kleiner Gesten und Gri-massen geht der Schüler über den Meister noch weit hinaus, ebensoin der Deutlichkeit satirischer Anspielungen auf Leipziger Kunstnnd Leben. Die ironischen Namen wie „Flvtenspiel" nnd „Enten-fraß" sind an sich schon charakteristisch für den Ton dieser mit derWirklichkeit übermütig spielenden Märchendichtnng. Aber fast gleich-zeitig entstand auch die tiefernste Novelle „Maria" (1842). Mitsehr zarten Tönen wechseln in dieser psychologischen Studie rea-listische Einzelheiten ab, die dann in dem lustigen, unvollendetenRoman „Aus einem alten Schulmeisterleben" (1845—1846)die ganze Situation beherrschen.
Fast ein Jahrzehnt ruht nun die epische Produktion so gut wievöllig, um von einer fieberhaften Hast dramatischer Entwürfe ver-drängt zu werden. Nahezu durch das ganze Leben Ludwigs ziehen sichPläne zu einer „Agnes Bernaueriu"(1835—1846,1854—1864),die dem Drama Hebbels in keinem Punkte geglichen hätte. Woder grübelnde Pessimist das reinste Opfer politischer Notwendigkeitsah, snchte der nicht minder vergrübelte Optimist nach einer Psycho-logischen Rechtfertigung des Ansgangs und irrt in dem Labyrinthder Möglichkeiten ratlos von einem „Vielleicht" zn einem „Wennaber", um mit einem „Oder" zu einem neuen Plan überzugehen:„Das Einfachste bliebe . ." Wo für Hebbel die straffe Linie derEntwickelung alles ist, freut Ludwig sich am Detail und schwelgtin kleinen Zügen. Hatte doch selbst seinen musikalischen Kompo-sitionen ein Kritiker wie Felix Mendelssohn einen Zug zum volks-tümlich Charakteristischen nachgesagt, den der Nachklassiker „ge-schmacklos" fand. Aber auch Ludwig selbst irrte nicht, wenn er sichspäter vor den? Eigensinn einer „sich immer steigernden Jndi-vidualisiernng des schon Individuellen" warnte. In diesen Ent-würfen wird wirklich die „Kleinpsychologie" bis auf den Gipfel ge-trieben. Da kann etwa in dem „Jakobsstab", einer Dramatisierungder Hauffschen Novelle „Jud Süß", der Geldmann kein Wortsprechen, das nicht nach Habsucht riecht. Ebenso wird auch dasMilieu mit kleinlichen Einzelheiten überladen; und diese zugespitzt