„Die Hciterethci
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individualisierende Zeichnung von Hintergrund und Coulissen hatLudwig nie ganz dem großen Fresko-Stil des „Kaufmann vonVenedig" oder des „Tasso" zu opfern vermocht.
Den Gipfel dieser Kleinmeisterei zeigt in glücklicher Übertragungauf episches Gebiet ein Werk, das schon an der Grenze der zweitenPeriode steht: die „Heiterethei" samt ihrem Widerspiel, der Ge-schichte „Aus dem Regen in die Trause" (1857). Treitschke , einwarmherziger Bewunderer Ludwigs, hat sich über die übertriebeneIndividualisierung der Sprechweise, über die breite Schilderungder „großen Frauen" im Dorf mit einem gewissen Entsetzen ge-äußert, das man dem Pathetischen, immer mit Riesenstrichen stili-sierenden politischen Historiker Wohl nachfühlen kann; gerecht scheintes mir nicht. Nie hat Ludwig die Fülle der Gesichte unbefangenernachgezeichnet, nie glücklicher in der Lamm-g, oksoura Farben undBewegungen seiner engeren Umgebung erspäht und festgehalten. Erhat in seiner theoretischen Epoche die Dorfgeschichte als „Embryodes provinziellen historischen Romans" gewürdigt; so ist vor allemauch sein Buch zu verstehen. Nach Walter Scott und seineinamerikanischen Nachfolger Washington Jrving hatte man wiederholtin Deutschland breite Landschaftsgemälde solcher Gegenden entworfen,in denen historische und klimatische Verhältnisse besondere Eigenartbegünstigten: Annette von Droste z. B. hatte das versucht, HermannKurz und (in anderer Weise) Willibald Alexis hatten den historischenRoman auf diesem Fundament errichtet. Ludwigs Liebe znr breitenWirklichkeit blieb bei der Vorstufe stehen. Historische Vorgänge hatteer wohl auch einzeichuen wollen, wie jenes „Dunkelgrafen" Schicksale;schließlich ward ihm die Schilderung seiner Thüriuger zum aus-reichenden Hauptmotiv. Trotz und Ehrlichkeit, verhaltene Leiden-schaft und Stolz sieht er als Haupteigenschaften seiner Landsleutean; wer die großen Thüringer beschaut oder die kleineu kennt,wird seine Kennerschaft loben. Aus diesen Eigenschaften also bautsich das Schicksal eines typischen Paars auf, einer prachtvollen,überkräftigen Jungfrau (so wollte Ludwig auch die Beruauerinzeichnen) und eines freilich doch ein wenig zu musterhaft geratenenJünglings. Die Geschäftigkeit, Geschwätzigkeit, Geheimniskrämereidieser winzigen Welt, in der die Wirtin schon eine „große Frau"trotz Maria Theresia ist, denn ihr Großvater war Bürgermeister,drängen sich zwischen die spröde und doch liebend sich zuneigendenHerzen, umspinnen sie — und können sie doch nicht bewältigen.