„Der Erbförster"
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Das Schöne wird nie fertig? immer könnt' esNoch schöner sein.
Sonst erheben sich die Gestalten wenig über die blassen Typen,die neben Cardillae damals die Bühne erfüllten; nur noch zweiRollen weiß Ludwig zu lebensvoller Wahrheit zu erheben: die desfröhlichen unschuldigen Mädchens (Rose in der Dramatisierung vonBürgers Ballade) und die des braven rauhen Schuauzbarts (indem Soldateustück).
Da kommt die Revolution — Ludwig erschrickt vor der Machtder Instinkte, die die „Rechte des Herzens" naiv anerkannt hatten.Er erinnert sich seiner eigenen Subjektivität. Er sucht nach einemTypus, der ihm den Konflikt des unbefangenen Nechtsgcfühls mitdem geschriebenen Recht vergegenwärtige. Und Plötzlich steht, zumGreifen deutlich, der Erbförster vor ihm, „in der Gebärde, in der derSchauspieler sprechen muß: ,So sollte man doch gleich die Bestien tot-schießen?' — .Recht muß doch Recht bleibet und ,ich hab Unrecht'!"
Der „Erbförster" (1849) ist das charakteristische DramaLudwigs, wie „Judith" das typische Drama Hcbbels, und be-zeichnend ist auch, daß dieses im Auftrug, jenes auf dem Höhe-punkt der Entwickelung des Autors steht. Alle Vorzüge seinerBegabung treten hier imposant hervor: die Deutlichkeit, mit derdie Hauptfiguren geschaut, die unerschöpfliche Phantasie, mit derdie Reden und Situationen ausgeschmückt sind; aber auch seineSchwäche: die Willenlosigkeit, mit der er sich sozusagen der Willkürseiner Gestalten hingiebt, die Überladung mit kleinen Zügen, dergewaltsame Schluß. Wenn man den „Erbförster" vielfach als eindramatisches Meisterwerk bezeichnet, so kann ich so wenig beistimmen,wie wenn Hettner es als das elendeste aller Schicksalsdrainen an-sah. Es ist ein Stück wie Ludwigs Leben: reich, voller gelungenerMomente, überall von ernstem Streben erfüllt, aber doch nicht zuder Höhe gedeihend, die solchen Anlagen beschieden schien.
Ludwig hat in seilten Shakespearestudien wiederholt Äußerungengethan, die Prophetisch auf Jbseu deuten. „Die günstigste Handlungist ein einsacher Stoff, in dem eine nicht zu große Anzahl durchGemütsart, Intentionen n. f. w. scharf kontrastierter Personen vomAitfang bis zum Ende auf eiueu möglichst engen Raum zusammen-gedrängt sind . . . Ein gutes Stück ift eigentlich nichts als eineKatastrophe und ihre sorgfältige Motivierung durch Charaktere undSituationen." In der That hätte seine natürliche Technik ihn