Druckschrift 
Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
Seite
328
Einzelbild herunterladen
 

328

18401850,

auf dieExpositionsstücke" von der Art derNora" hindrängenmüssen,wo vor den Beginn der eigentlichen sichtbaren Handlung,die aber dann meist bloß in Gesprächen oder Besprechungen derLage besteht, schon ein großer Teil der Verwickelung füllt". Denner sah ja die Figuren schon mitten im Abrollen der Entwickelungvor sich; ja er glaubte sogar theoretisch die Forderung aussprechenzu dürfen, daß auf der Bühne (und noch mehr im Roman) dieEntwickelungen der Charaktere bloß ein allmähliches Enthüllendessen, was in den Menschen ist, nicht eine Umgestaltung bringensollten. So wurde er dazu geführt, mit den Gestalten ähnlich zuexperimentieren wie Ibsen . Dieser hat fast so ausführlich wieLudwig bezeugt, wie ihm die Figuren aufgehen, wie er dann sichgleichsam mit ihnen zusammen einsperrt, sie Wochen, Monate ver-folgt, bis er sie genau kenntglauben Sie", hat er einmalgesagt,es ist keine Kleinigkeit, so acht Kerls immer im Auge zubehalten." Nun ward aber Ludwigs bewegliche Phantasie undLebensfreude Ursache, daß er sich selten auf jenenicht zu großeAnzahl von Personen" beschränkte, ward die Schnelligkeit seinerausmalenden Traumkraft Ursache, daß er die ständige Beobachtungder einzelnen verlor. Darunter litt nicht bloß die Übersichtlichkeitder Handlung, sondern ihre ganze Führung. Er mußte mit einemMachtwort die unablässig sich fortrollende Offenbarung der Haupt-charaktere beenden statt eines organischen Schlusses schrieb ereinen mechanischen, er, der das Mechanische so haßte. Jenerböseheimliche Grund" ist eine Unheilsstelle wie das Erbgewölbein denRechten des Herzens"; daß der Förster seine Tochtererschießt, ist und bleibt ein gräßlicher Zufall, schlimmer als dieTötung der Leonore imFiesco". Mit derHauptgebärde" desErbförsters haben diese traurigen Koincidenzen nichts zu thun.Ich habe unrecht", das mußte feiu Schlußwort sein unrechtim Kampf gegen die nun einmal vorhandenen Gesetze und Ver-hältnisse. Er mochte in jäh auflodernder Wut auf seinen Freundund Herrn schießen, um den geliebten Wald zu schlitzen; er konnteden Buchjäger niederschießen, den elenden Feind seines Hauses; aberMißverständnis und Zufall durften ihn nicht zum Mörder seiuerTochter machen. Alles ist so vortrefflich angelegt: zwei Freunde,beide gute und brave Menschen, aber von entgegengesetzten Rich-tungen, die in Hader geraten: der Instinkt des Naturmenschengegen die Berechnung des trotzig auf das Geschriebene pochende»