Druckschrift 
Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
Seite
330
Einzelbild herunterladen
 

330

1840-1850.

?ns; ich dich wieder habe, lieber Herr!sie verliert sich doch zuletzt in der Fülle der Personen. Lea wiederschadet die nicht genügend motivierte Vorliebe für den eiteln, un-sicheren Eleasar; trotz allen Traumdeutungen wieder ein Motivaus dem Bezirk der Schicksalsdramen! müßte dies stolze Helden-weib nur für Jndah Blicke haben. Schließlich geht aber, was dasSchlimmste ist, das sogar verloren, was der Geschichte der Makka-bäer ihren eigentlichen poetischen Wert giebt: der siegreiche Kampfeines Volkes um seinen Glauben. Statt eines geschlossenen Volkes,dem ein Paar Abtrünnige nur größere Einheit geben würden, sehenwir im dritten Akt drei gleich starke Volkshaufen, von denen einerfür Abfall und Unterwerfung spricht. Wie hätte Schiller denTell"zerstört, wenn er etwa die Männer von Unterwalden für Gehorsamgegen Osterreich hätte stimmen lassen! Die Lebensfülle der ThüringerFiguren imErbförster" lobte Ludwig selbst, zu sehr vielleicht;hier sind die Gestalten vielleicht noch wahrer, aber der Natura-lismus, der den wahren Heros der Makkabäerfabel, das Volk, inwiderstreitende Individuen auflöst, war hier uoch weniger als dortam Platz.

Groß genug ist das Drama dennoch in der Anlage wie inder Ausführung einzelner Charaktere, um reicheren Erfokg zu ver-dienen. Der zweite Akt ist wohl Ludwigs größte dramatische Leistung,und selbst der etwas melodramatische Ausgang dieses wie des fünftenAufzugs läßt sich aus dem gesteigerten Ton der erregten Handlungrechtfertigen. Aber wir begreifen gerade hier, wie Ludwig insStocken geriet, sich wie der Adept an seine Retorten an die Shake-spcarehefte sestbannte und zu viel lernte, um je wieder, iu vier-zehn arbeitreichen Jahren, ein Drama zu volleudeu!

Otto Ludwigs Shakespearestudium hat gewisse Punkte in derTechnik des größten aller Dramatiker glänzend aufgehellt; im ganzenbleibt seiue Darstelluug einseitig. Sowohl in der Auswahl derausgebeuteten Stücke wie der beleuchteten Seiten läßt der genialeGrübler sich mehr von seinem Bedürfnis leiten, als von demStreben nach vollkommenem wissenschaftlichen Durcharbeiten desStoffe?. Was Ludwig giebt, ist weniger eiue Schilderung vonShakespeares Dramaturgie, als eine Verkündigung derjenigen Ibsens und seiner Schule. Hier viel mehr als in den Dramen des großenBriten findet sich das breit realistische, bewußt um die Hnuptliniesich hernmschlängelnde Gespräch, hier die indirekte Charakteristik in