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1840—1850,
Auch diesem Werk ist die Lesewelt noch nicht ganz und dieKritik nur zum Teil gerecht geworden. Zu ausschließlich hat mandie Kleinmalerei bewundert, die Schilderung von Handwerk undHandwerkszeug, wie die der feinsten Seelcnregungen; wie geschlossen,wie ganz ans einem Guß sich dies Wunderwerk inmitten der zer-fließenden oder znsammengestopsten Romanproduktion Deutschlands ausuimmt, das haben wenige gewürdigt. Der Erfolg war groß,aber er blieb äußerlich; zu einer vollen Anerkennung der ganzenDichterpersönlichkeit arbeiteten sich die wenigsten durch. Ware dasaber selbst der Fall gewesen — es hätte Ludwig schwerlich ge-rettet. Zu leidenschaftlich hatte er sich auf die dramatische Thätig-keit geworfen; die epische Arbeit war ihm nur störende Unter-brechung feiner dramaturgischen Alchemie. Hier noch einmal eingroßer Erfolg — vielleicht hätte dann sich sein Leben nicht sorasch und in gewissem Sinne doch unfruchtbar verzehrt. So blieber im Unsicheren. Es fehlte dem bescheidenen Mann nicht anSelbstbewußtsein; die Paar ernst Strebenden in einer Zeit vollHalbheiten hat er immer für seinesgleichen gehalten: Auerbach,Freytag, Gottfried Keller , auch trotz aller Antipathie Hebbel; für dielitterarischen Fabrikarbeiter hat er immer nur Verachtung gehabt.Aber es fehlte ihm der Mut, sein Streben als solches gelten zulassen; zu ängstlich Pruste er die Resultate, verglich er seine Ar-beit mit der der Größten. Und so reicht keine seiner Schöpsnngenan das Vermächtnis heran, das er mit seiner Persönlichkeit unshinterließ. Reiner hat kein Künstler seinen Idealen gelebt, ehr-licher kein Dichter sein ästhetisches Ziel allein verfolgt; achtloserist niemand an den Verlockuugen des Tages und aller Tage vor-beigeschritten. Idealismus im höchsten Sinne — das ist der „Gene-ralnenner" dieses Realisten.
Als ein Opfer des Suchens ist er gestorben. Und doch —in der dogmatischen Sicherheit, mit der Ludwig das EvangeliumShakespeares Predigt, verleugnet sich nicht die Verwandtschaft mitjenen „Unfehlbaren" von 1813, mit Hebbel, mit Richard Wagner ,mit den „Titanen" der vierziger Jahre — mit der „Unbedingtheit"endlich, in der die poetische Kraft wie die politische Schwäche derRevolutionsdichter von 1848 wurzelte!
Ferdinand Freiligrath (1810—1876) ist hier an ersterStelle zu nennen, nicht bloß, weil er der bedeutendste Dichter derganzen, großen Gruppe ist, sondern vor allem deshalb, weil die