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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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Ferdinand Freiligrath

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Entwickelung dieser Richtung sich in ihm mit erstaunlicher Deut-lichkeit abgespielt hat. Wiederholt mußten wir auf ihu schon Bezugnehmen; so juug ist er ausgetreten, so mächtig war sein Erfolg,daß Dichter wie der knorrige Friedrich Wilhelm Weber, der dochnur drei Jahre jünger war als sein westfälischer Landsmann, ganzin Abhängigkeit von ihm gerieten. Die Gedichte seiner ersten Periode,der Periode desLöwenritts", haben noch jahrzehntelang die Produk-tion schwächerer Nachahmer beherrscht; seit Heine hat kein Lyrikerstärkere litterarische Wirkung ausgeübt, uud auch nachher haben selbstGeibel und Storm diesen Einfluß kaum erreicht. Und dennoch istder echte Freiligrath nicht der Dichter desLöwenritts", nicht der vielnachgeahmte und gern parodierte Meister der bunten Reime, nichtder Virtuos der exotischen Genrebilder. Der Nevolutionsdichter istes. In den politischen Liedern steht Freiligrath am höchsten; hierhat er erreicht, was er sonst nur suchte, und was er nach kurzerBlüte wieder verlor. Hierher gehört er, zu den NevolutionSdichtern so gewiß wie Theodor Körner trotz seinen Lustspielen und seiuergeistlichen Gedichte uur unter die Sänger der Freiheitskriege ein-zureihen ist.

Ferdinand Freiligrath ist (17. Juni 1810) in Detmold geboren, aus guter bürgerlicher Familie, deren feste Lebensgewohn-heiten ihn später über Wasser hielten, als so viele seiner Genossenuntergingen. Wie Brentano und Ludwig machte er eiue laugeLehrzeit als Kaufmann dnrch, ohne Schaden an seiner dichterischenSeele zu leiden; nnr wurde seine Sehnsucht nach poetischen Gegen-ständen dadurch ins Ungemessene gesteigert. Ein lebhafter Lern-und Lesedrang fand in einer behaglichen Freude an Geselligkeit nndKneiperei ein heilsames Gegengewicht. Freiligrath ist immer einguter Kamerad gewesen, ein gemütvoller, warmer Freund uud treuerGeuosse, dem niemand feind sein konnte; als Gottfried Keller zu-letzt fast ganz den Glauben an die Dichter verloren hatte, war seinprächtiger Freiligrath der einzige, an den er nicht ohne strahlendesBehagen denken konnte. Der herzliche Ton seiner Briese trug viel-leicht auch ein wenig zu der Herzlichkeit bei, mit der Chamissoseinen ersten dichterischen Berösfeutlichungcu entgegenkam; aberallgemeiner Beifall lohnte dies Entgegenkommen. Der große Cottaselbst forderte den blutjungen Poeten auf, eine Sammlung seinerGedichte" zu veranstalten, und als diese (1833) erschien, warFreiligraths Ruf für immer begründet. Der junge Dichter mit