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1840—1850.
den Schwärmeraugen, mit dem Husarenbart a Is, Lenau und demSchnürrock in Chamissos Art, dem die frühere „Knechtschaft amKaufmannsladen" noch ein besonderes Interesse gab, ward vonallen Seiten angejubelt und angefeiert. Er schien die Verkörperungdes „Dichters", wie ihn sich unter dem Einfluß der Romantiker dasPublikum vorstellte: eine romantische Persönlichkeit, die alles inGold verwandelte, was sie berührte. Clemens Brentano selbst, dersich nm neuere Poesie kanm noch kümmerte, schrieb ihm (1840)einen geistsprudelnden Brief, in dem er ihn zu seiner gottbegnadetenDichtung beglückwünschte: sie sei weit tiefer und reizender, als wasByron je vorgebracht habe, die „Sandlieder" allein machten ihrenDichter unsterblich.
Lesen wir heute diese Gedichte, so werden wir manchmal Mühehaben, diesen nngeheneren Erfolg zu verstehen; und in der Thatsind neuere Richter so weit gegangen, ihrem Verfasser den Nameneines Dichters überhaupt abzusprechen. Sehr mit Unrecht gewiß;aber wie sich unsere Anschauung von einem „echten Poeten" insechzig Jahren geändert hat, läßt sich doch gerade an diesenLeistungen aus Freiligrnths erster Periode lernen. Uns ist derDichter vor allem ein Mann, der die Wirklichkeit erfaßt. Wie eres thnn soll, ob im Sinne der Naturalisten, der Symbolisten oderwie sonst, darüber herrscht Streit; nicht darüber, daß er es soll.Freiligrath aber gehört damals noch zu den Dichtern, die die Poesieaußerhalb der Wirklichkeit suchen. Und gerade deshalb preist ihnBrentano : er gehöre nicht zu denen, die mit ihren eigenen Schmerzen„krebsen" wie der Bauer mit der Leiche seiner Frau; es sei treu-los, eitel, buhlerisch, seine eigenen Erlebnisse vor der Welt zuprostituieren! Wie die Romantik selbst, sucht in der That auchder junge Freiligrath die „Wahrheit" der Poesie lediglich in ihrerinneren Einheit, nicht in irgend welchem Erlebnis. Wahr, erlebtist nur die Grundstünmnng: die Sehnsucht nach Poesie. Er willherans aus der öden grauen Wirklichkeit; und insofern konnte erspäter mit. Recht sagen: „Meine erste Phase, die Wüsten- undLöwenpoesie, war im Grunde auch revolutionär; es war die aller-entschiedenste Opposition gegen die zahme Dichtung, wie gegen diezahme Societät."
Zuerst (bis 1832) hilft er sich, indem er sich künstlich in einpoetisches Milieu versetzt. Er träumt sich in zeitlich oder räumlichentfernte Sphären, er arrangiert malerische Gruppenbilder („Heiligen -