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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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Freiltgrnths romantische Periode.

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schrei,?, Vogel und Wandersmann") oder dichtet die entferntestenMilieus" in gewaltsame Nähe (Amphitrite",Die Auswanderer").Es sind lyrische Experimente, wie Otto Ludwigs Dichtungen drama-tische Experimente sind; es sind Versuche, Wirklichkeiten herzuzaubern.In derAmphitrite" dichtet er den indischen Mai aus das deutscheSchiff, und in denAuswanderern" denkt er sich die SchwarzwälderTrinkkrüge in der Hand des Tscherokesen. Das entsprach jenemGeschmack der Zeit, die sich an der breiten kmnten Fülle der Wirk-lichkeit freute, entsprach auch dem kosmopolitischen Zug, der immernoch die Deutschen beherrschte; aber es trug zugleich ein gefähr-liches Moment der Unwahrheit in sich. Ein Fortschritt war esschon, daß er (seit 1832) wenigstens im wirklichen Leben Fälleaufsucht, in denen solche malerischen, historischen oder noch lieberethnologischen Antithesen Realität haben: den schlittschuhlaufendeuoder auf dem deutschen Jahrmarkt die Pauke schlagenden Neger,die Griechin auf der Messe, die Roßschweife des Paschas vomheimischen Eilwagen aus gesehen. Immer ist noch das gefährlicheSuchen nach Poesie" vorhanden, aber es gilt doch nicht mehr,was Byron von den allerersten Poesien hätte sagen können: ,1 llatsg.11 postr^ tkat is msre lletion."

Wie sehr Freiligrath hier noch im Bann der Romantik steht,das zeigt sich schon in seiner (freilich nie ganz überwundenen)Neignng, Dichter und Dichtung selbst zum Gegenstand der Poesiezu machen. Und bezeichnend ist es nun, wie er überall in seinerersten Periode die Poesie Poetisch machen will. Er taucht seineHand in die Flut, um sein Lied zu färben, oder er mnß mit demeigenen Herzblut sichseinen Liederpnrpur särben". Der Dichterist ihm eine romantische Figur, mit dem Kainsstempel gezeichnet,von dem NeroPoesie" gemartert. Sogar das Publikum wirdmalerisch verkleidet: er denkt sich zu den Nomaden im Bann vonMekkas Thoren. Aber Hebbel hatte nicht unrecht, wenn er geradedamals (1840) meinte, es sei ein schlimmes Zeichen, wenn dielyrische Poesie sich selbst besingt, wenn sie über die Würde desSängertnms in Verzückung gerate.Kann denn der Dichter dieHarfe rühren, so lange er anbetend vor ihr auf den Knieen liegt?"Sicherlich, über dieser Anbetung des abstrakten Dichtertums habendie Romantiker die volle Frncht ihrer Begabung zn ernten ver-säumt und verlernt.

Dann aber: Freiligrath ist hier noch ganz von fremden

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