FrciligrathS Alter, 345
obwohl doch namentlich das erste, ini Kriegsjahre sehr populäreLied außer einer kräftigen Personifikation der zu Arbeit und Kampfgerüsteten Germania fast nur Deklamation bringt. Aber manfreute sich, den Lieblingsdichter nicht wie Herwegh in giftiger Ver-drossenheit abseits stehen zn sehen; wie bei Lessing und Schiller und Uhland hat die Liebe zu dem Menschen die Popularität desDichters getragen. War es nicht eine schöne Entwickelung, die denMann, der einst die Dichtung auf eine höhere Warte als auf dieZinne der Partei gestellt hatte, der dann leidenschaftlich die Fahneeiner Partei ergriffen hatte, zum Schluß einmünden ließ in denStrom allgemeiner nationaler Begeisterung? War eS nicht schön,daß der, der sich einst in den fernsten Orient geträumt hatte, derdann in der Verbannung seinem Vaterland nie untren gewordenwar, nun (1867) nach Deutschland zurückkehren durfte und, vonseinem Volk geliebt und durch einen Ehrensold geehrt, hier am18. März 1876 in Cannstatt starb?
Freiligraths Entwickelung gewinnt typische Geltung, wenn mansie mit der von Zeitgenossen wie Gottfried Keller und EmanuelGeibel vergleicht. Der Dichter kehrt in seine wahre Heimat zurück,dorthin, wo die starken Wurzeln seiner Kraft sind. Er schließt sichan das nationale Leben an; er erkennt die poetische Bedeutung dereinst alitäglich gescholtenen Wirklichkeit:
Dieses auch ist Poesie,
Denn cS ist das Menschenleben!
Und so hat den Dichter des unmöglichen „Löwenritts" oderder sentimentalen „Rache der Blumen" die Forderung des Tageserobert; der Romantiker ist Dichter der Wirklichkeit geworden und einZeuge für ihr Recht. Was ihm einst den allgemeinsten Beifallgesichert hat, ist verblaßt; seinen starken Parteigedichten schadet nochdie politische Stellung, die vor weuigeu Jahren leider sogar einenpreußischen Kriegsminister zur Verunglimpfung dieses tapferenMannes und glühenden Patrioten veranlaßte; seine Entwickelungkönnen wir hente schon alle als seine größte That Preisen undfesthalten.
Durch alle Periode» seiner Dichterthätigkeit erstreckt sich eineeifrige und uugemein glückliche Übersetzerarbeit. Sein Taleut,sich in eine fremde poetische Stimmung zu versetzen, kam diesenvon ihm mit besonderer Liebe gepflegten Arbeiten zu gute; uudwandte er sich kongenialen Naturen wie Victor Hugo oder Robert