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In schroffem Gegensatz zu dem tiefernsten Grübler mit demChristuskopf steht eiu anderer Revolutionsdichter. Aber wie Freilig-rath auch schon in seiner romantischen Periode, so gehört FranzDingelstedt (1814—1881) auch noch in seiner „Hofratszeit" zuden Poeten dieser Gruppe. Die „Lieder eines kosmopolitischenNachtwächters" (1842) wirken durch bitteren Hohn; aber dieseIronie entsprang der gleichen Verzweiflung über den gesunkenenNationalgeist wie das Pathos Sallets:
Ringsum snß noch ein sterbliches Geschlecht,Saß unser Volk, das uns gestreng verfehmte,Ein Volk, dem alles schlecht und alles recht,Das, selber lahm, auch seine Dichter lahmte . . .
Und da die Entwickelung nicht dazu angethan war, ihn zn be-kehren, so blieb der vornehme Hofrat und „Tyrannenvorleser" inStuttgart (1843) und der Theaterintendnnt von München (1851 —1857), Weimar (1357—1867) und Wien (1867—1881) derselbeSatiriker und Ironiker, der der arme Schullehrer und Zeitungs-korrespondent gewesen war. Eine geheime Opposition gegeil alles,was sich als „heilig" und „ernst" gab, spielte in seinen blasierten„Gedichten" (1845), wie in seinen Künstlerromanen („Die Amazone"1868) nnd Lebenserinnerungen („Münchener Bilderbogen" 1879)immer mit; nur wo es sich um Fragen der Knnsttechnik handelte,verstand der Spötter keiueu Spott. Deshalb konnte nicht nurHeine, sein Lehrmeister, sondern selbst Hebbel den festen Kern desviel gescholtenen „Renegaten" verteidigen.
Den Eindruck zweifelhafter Echtheit hat man auch bei Gott-fried Kinkel (1815—1882), dem seine Beteiligung am badischenAufstand, seine Verurteilung und die häßliche „Begnadigung" zuZuchthausstrafe (statt zn Festung), sowie endlich die Befreiung durchKarl Schurz eine unverdiente Popularität einbrachten. Als Poetsteht er der romantisch-sentimentalen Richtung der Geibel, Strach-witz, Nedwitz merkwürdig uahe („Otto der Schütz" 1846) undzeigt jedenfalls weniger Eigenart als seine treffliche Gattin Jo-hanna Kinkel (1810—1858). Durch alle Bedrängnis wahrtesich die tapfere Fran ihre Politischen wie ihre musikalischen Idealeund setzte sich in dem autobiographischen Roman „Hans Jbelesin London " (1860), der das Leben und Treibeu der Emigrantenin London anschaulich schildert, ein ergreifendes Denkmal. GleicheFestigkeit und gleiche Liebenswürdigkeit zeichnet ihre Freundin aus,