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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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18401850,

die noch jetzt rüstige Veteranin des revolutionären Idealismus,Malvida von Meysenbug lgeb. 1816 in Kassel als Tochtereines Hofmarschalls), deren anschaulicheMemoiren einer Jdealistiu"(1876) zn den wertvollsten Dokumenten über jene merkwürdigeZeit zu rechnen sind.

Viel von dem Gemachten, Theatralischen, das Kinkel anhafteteund das selbst Freiligrath erst abwerfen mußte, liegt auf KarlBeck (1817 1879), demungarischen Naturkind". Die Zeit liebteetwas Dekoration. Nicht nur Gustav Kühne , der den ungarischenJuden unter seinen besonderen Schutz genommen und ihn anchznm Christeutum übergeführt hatte, erklärte in juugdeutscher Gala-rede, daß Beck sein horchendes Ohr an das große Weltherz derBörueschen Gedanken gelehnt" habe nein, sogar Brentano be-staunt in jenem Brief an Freiligrath das große Talent des fahren-den Poeten. Uns scheint nur in den keck hingeworfenen Bildernaus der Heimat (Janko, der ungarische Roßhirt" 1841) wirklichesTalent hervorzuleuchten. DieLieder vom armen Mann" (1846)machten Effekt durch die neue Richtung, die sie der bis dahin ein-seitig politisierenden Revolutionslyrik mit dem Hinweis auf socialesElend gaben; aber originelles Gepräge tragen auch hier nur Genre-bilder wie der realistische VersromanAuch eine Dorfgeschichte"oder das viel citierte GedichtKnecht und Magd".

Wer spricht heute noch von Kinkel oder Beck? Und wie starkist auch der Stern des mächtigsten Triumphators der Revolutions-poesie erblaßt! Ja, bei ihm wie bei Freiligrath hat die politischeStimmung der Gegenwart gerade den bedeutendsten Dichtungenauch die Anerkennung entzogen, die sie wirklich verdienen.

Wenn Freiligrath den Idealismus der Revolution am schönstenverkörpert, so zeigen sich in Georg Herwegh (13171875) dieschwachen Seiten vereinigt, die sie scheitern ließen. In seinen Ge-dichten wie in den Zeitungen und Reden jener Tage herrschen diePhrase und die doktrinäre Engherzigkeit; die Unfähigkeit zum Lernen,zur Entwickelung teilte er nur mit zu vielen Parteigenossen; derEgoismus freilich, der brutale Epikureismus, die cynische Weltver-achtung, die ihn beherrschten, sind unter den Führern des deutscheuRadikalismus wohl nie wieder in so verletzender Stärke ausgetreten.Und dennoch ist Herwegh , freilich nur auf kurz, der Mann derZeit gewesen. Was alle dachten, das fing er auf, verdichtete es ineinem glücklichen Refrain, und ließ kunstvoll geformte Strophen wie