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eine Volksmenge auf der Straße immer wieder in den einen Rufeinstimmen: „Wir haben lang genug geliebt und wollen endlichhassen!" oder: „Der Freiheit eine Gasse!" oder: „Ich Hab's ge-wagt!" Herwegh ist ein Nhetor, gewiß; aber er ist der größteNhetor, den die deutsche Litteraturgeschichte kennt, fähig wie keinzweiter, dem Volke das Wort vom Munde zu nehmen und in wirk-samster Form wiederzugeben.
Herwegh ist (31. Mai 1817) als Sohn armer Eltern inStuttgart geboreu. In der Luft, die die württembcrgische Ver-sassungsfrage erfüllte, wuchs er auf: unter der Übereilung des auf-geklärten Despotismus, nnter dem Trotz der altliberalen Stände,unter dem Eigensinn beider Parteien that hier zum erstenmal inDeutschland sich zwischen Standcsgenossen, Freunden, Verwandteneine politische Kluft auf, so jäh, daß sie den socialen Frieden ge-fährdete. Demokraten und Negicruugsmäuuer saßen im „Museum ",der großen bürgerlichen Vereinigung, und in den Wirtshäusern, indenen der süddeutsche Bürger sein Abendweinchen nimmt, an ge-trennten Tischen; gehässige Naturen, wie der lnoch liberale) Wolf-gang Mcuzel, schürten das Feuer durch persönliche Verdächtigungen.Dabei hatte Stuttgart das Gefühl, im Mittelpunkte der deutschen,ja der europäischen Aufmerksamkeit zu stehen. Nicht ganz mit Un-recht; uud es steht uns nicht zu, über den ersten großen Prin-zipienkamps, der auf deutschem Gebiet über politische Fragen aus-gefochten ward, vom Standpunkte unserer Realpolitik höhnisch dieAchseln zu zuckeu. Sallet hat damals im Zorn gerufen, wennalles „Phrase" heißen solle, das man nicht mit Händen Packenuud befühlen könne, dann sei am Ende die größte „Redensart"— der liebe Gott. Wohin die Gleichgültigkeit gegen alle Politischen Prinzipienfragen führt, das hatte sich ja deutlich genug an derGeschwindigkeit gezeigt, mit der sich etwa Unterthanen des KönigsJerome von Westfalen in die Treue gegen ihren nen ange-stammten Landesherrn eingewöhnten. Wertvoller war selbst dieeigensinnigste, beschränkteste, unfruchtbarste Treue gegen „das altegute Recht". Aber für ein Kind von rascher Begabung undfrühreifer Eitelkeit war das ein böses Klima. Daß Herwegh weder bei dem theologischen, noch bei dem juristischen Studiumaushielt, machen freilich die engen, fast klösterlichen Verhältnissedes alten Württemberg doppelt begreiflich; hatten sie doch auchBischer und Strauß zur Oppositiou erzogeu. Er dichtete — alle