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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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Der Münchener Tichterkrcio

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Krone seiner Lyrik hielt. Von jetzt ab war er der offizielle Dichter-könig, der xostg, laureatus Deutschlands in so unumstrittenerGeltung, wie seit Goethe kein Dichter bei uns diesen Platz eingenommenhatte. Denn sobald König Maximilian ihn (1852) nach München berief, war er der Mittelpunkt des berühmten Poetenkreises, der sichdort gebildet hatte. Und wer Heyse, Bodenstedt, Lingg, Dingel-stedt als Vasallen an seinem Hofe zählte was wollte gegen dessenMacht ein einzelner Eroberer wie Hebbel , ein einsamer Grüblerwie Ludwig bedeuten? Dazu war er ein milder, wahrhast sonnigerHerrscher, in dessen Gunst man sich wohl fühlte; schon seine Per-sönlichkeit erschwerte jedes Anfechten seiner Krone.

Man hat jenem Münchener Dichterkreis weittragende Bedeutnngsür die Entwickelung der deutscheu Litteratur zugeschrieben. Derliebenswürdige, Geibel besonders nahestehende Dichter Julius Grosse meinte, von hier sei dieNen-Romantik" ausgegangen, die die deutschePoesie verjüngt habe: Geibel vor allem habe wieder auf altdeutscheStoffe hingewiesen (Brnnhild"), und Scheffel nnd Dahn als seineNachfolger hätten dann die Dichtung unserer Tage mit der derVorzeit segensreich verbunden. Aber zunächst glaube ich nicht daran,daß durch die Auswahl nationaler Stoffe eine Erneuerung derPoesie erreicht werden kann; die Stoffwahl ist immer nur einSymptom tieferer Erscheinungen. Die nationale Wendung aber istvon den revolutionären Lyrikern mit ihrer kräftigen Betonung derpolitischen Ansprüche Deutschlands viel stärker ausgedrückt worden,als von dem überwiegend kosmopolitischen Münchener Kreise mitseinerJtalomanie" (wie es Adolf Bartels nennt); und selbst dieneue Naturalisierung der Gestalten unserer Vorzeit haben RichardWagner und Friedrich Hebbel jedenfalls stärker bewirkt als Geibek,Scheffel und Dahn. Groß sind die Verdienste dieses Kreises aberdennoch; nur liegen sie nach ganz anderer Seite. Wir möchtenGeibel in seiner fehlerlosen, aber leicht etwas kühlen Kunst mitdem Franzosen Leconte de Lisle vergleichen; um diesen sammeltensich (1859) dieParnassicns", die Männer, die gegenüber der Aus-nutzung der Poesie zu politischen oder sonst äußereu Zwecken die(übertreibende) Formell'art, xour 1'arr,!" ans ihre Fahne schrieben,die dergenialen" Verwahrlosung der Form gegenüber die gutenRechte von Metrum und Reim verteidigten. Das hat Geibel mitgleichem oder größerem Erfolg bei uns gethan, nnd die Münchener Dichterfreunde waren seine Helfer. Was Geibel von Platen