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1840-1850.
Begleiter, wie das Schicksal ihn nicht günstiger hätte aussuchenkönnen: der gleichalterige Sohn derselben Stadt teilte mit Geibel den reinen Idealismus einer priesterlich vornehmen Seele, die Ehr-snrcht vor der schönen Form, die Hiugabe an die großen Meisterantiker und deutscher Poesie. Curtius hat sich auch selbst als Dichterversucht, mit geringem Erfolg; aber in der kunstvollen Nacherzäh-lung altgriechischer Heldenschicksale hat der Verfasser der „GriechischenGeschichte" (1857—1861) zu der lyrischen Kunst seines Herzens-freundes die Ergänzung gegeben. Seine Vorträge in ihrer kunst-voll abgerundeten uud doch immer zum Gemüt sprechenden Form(„Altertum und Gegenwart" 1875 nnd 1882; „Unter drei Kaisern"1889) bilden zu Geibels poetischen Heroldsrufeu würdige Seiteu-stücke; und sein Lebenswerk, die so fruchtbaren Ausgrabungen vonOlympia, stellt wie Geibels „Klassisches Liederbuch", au demCurtius ja Anteil hatte, die Vereinigung von Wissenschaft undPoesie, die den deutschen Kultus der Antike charakterisiert, gleich-sam symbolisch dar.
Mehr als feiner pädagogischen Aufgabe widmete Geibel sich inAthen freilich der Muse. Zurückgekehrt, hatte er an den rasch ent-standenen „Gedichten" zn ordnen die Fülle; rasch erschienen (1840),machten sie ihn mit eins zum berühmte» Manne. Nach 44 Jahren(1884) ist die hundertste Auflage erschienen, und sie bedeutete keinEndziel der Verbreitung. Sein Gedicht gegen Georg Herwegh (1841),der klare, ehrliche Ausdruck seiner Feindschaft gegen die Tendenzpocsietrug wohl dazu bei, daß Friedrich Wilhelm IV. ihm eine Dichter-Pension gewährte. Er hatte sich in keiner Weise darum beworben;dennoch zog die Gunst des Königs ihm erbitterte Angriffe zu, undein Herr Karl Schwenk berechnete höhnisch aus dem Ehrensold von300 Thalern den Wert des Dichters auf 8571 Thaler, 12 Silber-groschen, 102/7 Pfennig. Das war der Ton, den Gutzkow in diegesinnungstüchtige Presse eingeführt hatte; man wird nicht verlangendürfen, daß er Geibel ins radikale Lager hätte hinüberziehen sollen.Freiligrath, mit dem er (1843) einen gesegneten Poetensommer inSt. Goar verlebte, stand damals ja noch gerade vor seiner politischen„Wandlung", die übrigens die beiden Dichter persönlich nicht ent-fremdete. Geibel lebte dann in Lübeck , von wo er seine feurigen „ZwölfSonette für Schleswig-Holstein " (1846) uud seine zweite Gedicht-sammtnng ausgeheu ließ: die „Juniuslieder" (1348), die er so alsGabe seines Lebenssommers tauste und mit Recht allzeit für die