Geibcls Persönlichkeit.
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bart und Zwickelbart hielt etwa die Mitte zwischen der martialischenErscheinung eines Landsknechts nnd der vornehm feinen eines altenfranzösischen Marquis" — wozu denn die Blutmischung zwischendem väterlichen Germauenblut und dem Hugenottenblut der Mutterbeitragen mochte. „In seinen Bewegungen war er würdig und alertzugleich, die Kleidung durchaus ungesucht — einsach, eher gleich-gültig." Freilich Pflegte er das Relief des scharf ausgearbeitetenProfils gern mit einem malerischen roten Fez zu schmücken undzeigte sich am liebsten im Profil, wie Bodenstedt, der ihm die wirk-samen Bartformen ablernte: aber in seiner Haltung und Sprachewar er von jeder Pose frei, erklärte lebhaft und tapfer berühmteGedichte, die für Hebbel Musterstücke waren: des „Sängers Fluch ",den „Erlkönig" sür schlecht, schalt auf die „böse Trias", die dieZeit verderbe — Gutzkow , Brachvogel mit seinem Effektdrama„Narciß" — und Richard Wagner , und erklärte Goedeke, als dieserbekannt hatte, Beethovens Symphonien ließen ihn kalt, dann wolleer lieber gleich den Verkehr mit ihm abbrechen, was er aberdoch nicht that. Uns ist dieser lebhafte, über die Schönheitsliniehinausschlagende, Urteile improvisierende Geibel mindestens so lieb,als der sorglich feilende, jedes Zuviel scheuende, die „Alten" all-zu respektvoll verehrende Dichter!
Geibel ist (18. Oktober 1815) in Lübeck geboren und hatsich immer mit Stolz als Sohn der Hansestadt, als Sohn desdeutschen Bürgertums gefühlt. Schon auf der Schule verfaßte er(1834) eiue „wundersame Historie" in der Mauier E. Th. A. Hoff-manus. So anzufangen, war den Talenten der Zeit natürlich:wir erinnern nur an Otto Ludwig. In Bonn und Berlin trieber klassische Philologie uud Geschichte, trat aber schou mit denDichtern des Tages in persönliche Berührung.
In dem Turm des Hauses von Wilibald Alexis wohnte dieserim ersten Stock, im zweiten der Kritiker und NomanschriststellerRellstab, darüber Geibel — so war er ganz in litterarische Lnftgebannt. Die wichtigste Bekanntschaft aber wurde die mit Bettiua.Längst suchte der junge Klassiker das Land der Griechen mit derSeele; die Hohepriesterin des Goethekultus vermittelte ihm jetzt eineAnstellung als Erzieher bei dem russischen Gesandten in Athen .Mit Ernst Curtius (1814—1896), dem begeisterten Verehrer desklassischen Altertums, reiste er (1838) nach Attika und durch-wanderte die Insel- und Nuinenwett von Hellas. Es war ein