362 1840-18S0.
So hätte auch der selige Tiedge ein lehrhaftes Gedicht schließenkönnen.
Beim Drama genügte seine Begabung für das hübsche Dilettanten-Lustspiel „Meister Andrea" (1855); wagte er sich aber an diehohe Tragödie, so zog sein Bemühen, auch die kleinsten Einzel-heiten in akademischer Schönheit zn halten, seiner „Bruuhild"(1857), für die er (wie Hebbel und Ludwig!) den Schillerpreiserntete, Hebbels vernichtenden Hohn zu:
Hagen wütet nicht blind, er ist ein besonnener Hosinann,Der den Rivalen ersticht, weil er die Gnade ihm stiehlt;
Siegfried selber ist nichts, doch büßt er das schwere Verbrechen,Daß er sich doppelt verlobt, was die Moral nicht erlaubt...
Fehlt seinen Dichtungen oft, was Goethe in Platens Poesienvermißt hatte: die specifische Schwere, so mangelte sie doch uichtseiner Erscheinung. Die künstlerische und moralische Gewissenhaftig-keit dieses fleckenlosen Charakters war in einer Zeit, in der haltloseTalente wie Herwegh und wehrlose Träumer wie Otto Ludwig demAnsehn des Dichterberufs in der Welt Eintrag thaten, unschätz-bar: er brachte den Dichternamen wieder zu Ehren auch in Kreisen,die sonst über Poeten und Kultus der Poesie die Achsel zuckten.In der vollkommenen Übereinstimmung seines Lebens mit seinerPoesie bestand, wie Karl Goedeke hervorhebt, das Specifische seinesWesens. Er war tief durchdrungen von der hohen Aufgabe derPoesie. Als einen Hohenpriester des Schönen feierte er Platen;priesterlich faßte auch er selbst die Kunst auf. Andere Lyriker suchtensich dichtend von verworrenen Gefühlen zu befreien; er dichtet nicht,wenn ihm „die reine Stimmung zur Lyrik" fehlte, so daß von demsonst so produktiven Sänger in zehn Monaten des wilden Jahres1848 nur ein Gedicht kam.
Er war das geborene Haupt jedes Dichterkreises; er war einunvergleichlicher Freund, der sich auch in litterarischer Arbeit gernverwandten Natnren gesellte: in seinen etwas weichen und oft zu„abgeklärten", aber in der Form immer erstaunlich sicheren Über-setzungen („Spanisches Liederbuch", mit Paul Heyse , 1852; „FünfBücher französischer Lyrik", mit Heinrich Leuthold , 1862; „KlassischesLiederbuch", anfänglich mit Ernst Curtius , 1875). Äußerlich„erregte er" uach Jensens anschaulicher Schilderung „trotz seinerkleinen Gestalt einen äußerst männlichen Eindruck; sein srüh ver-wittertes mageres Gesicht mit dem mächtigen eisgrauen Schnurr-