Emnnuel Geibel.
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Würde jenem Sinn für die reine Form nicht gerecht, der diesem„Liebling der Grazien" zum Instinkt geworden war. Er fühlte sichselbst nicht ausgefüllt. „So lange ich allein oder doch vorzugs-weise Lyriker war, habe ich in der Poesie schöne Stuuden undselige Augenblicke, aber keine Befriedigung meines innersten Wesensgefunden. Ein ziehender Klang, ein schwellender und verhallenderTon, der durch unsere Brust geht, kann unendlich beglücken; aberer schwindet vorüber, und nur zu oft folgt ihm eiue blasse dämmerndeLeere, eine nüchterne Erwartung der Seele". Er beschreibt dasGefühl, das uus nur zu leicht nach der Lektüre seiner Gedichtebeschleicht.
Und dennoch hat nur die Lyrik ihm Kränze gebracht. Hierteilt er mit Herwegh das Verdienst, „Lied uud Ton" wieder ver-bündet zu haben: sie haben das „auf staubigen Rollen schlafendeMusenkind" wieder zum Gesaug erweckt. Der Vorzeit war dasfreilich selbstverständlich gewesen; aber seitdem das Lesedramaherrschte, war auch das Leselied aufgekommen. Geibel verlangtewieder, daß schon beim Lesen die Melodie leicht durchklinge. Halbsingend las er vor und wühlte wenigstens selbst die Begleitweise seines„Lustigen Musikanten"; daß er sie gemacht zn haben glaubte, warfreilich eine Selbsttäuschung: wie Max Friedländer nachgewiesenhat, ist es einfach die alte volkstümliche Melodie der wallfahrendenBinschganer. Lieder wie „Der Mai ist gekommen" oder „Und legtihr zwischen mich und sie" sind volkstümlich in jedem edeln Sinnedes Worts; wogegen der vielgesuugene „Zigeunerknabe im Norden"mit seiner billigen, aber damals im Geschmack der Zeit liegendenethnographischen Antithese blasse Kunstlyrik ist. Unter den Liebes-gedichten, den vaterländischen Heroldsrufen, den kleinen Wanderbildern,besonders denen aus Griechenland , sind Perlen genug. Zuweilenführt freilich auch die Furcht vor Überschreitung der Schönheits-linie zn einer gewissen Mattigkeit. Man vergleiche nur etwa dasOstseegedicht „Nun kommt der Sturm geflogen" mit Heines darinbenutztem Stück aus den Nordseebildern — bei aller Beimischunggrotesker Züge wirkt Heines Gedicht um so viel großartiger, alsder Wellenschlag der Nordsee den der Ostsee übertrifft.
Anch Geibels zahlreichen Gnomen schadet der Exceß der Mäßi-gung. Neben vortrefflichen Sprüchlein finden wir böse Trivialitäten:
Ein ewig Rätsel ist das Leben,Und ein Geheimnis bleibt der Tod.