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1840-18S0.
habe. Nun klingt es ja zuerst seltsam, daß man einen Künstlergegen den Vorwurf „zu viel Schönheit!" verteidigen soll. Aber,mag es noch so paradox klingen — der Vorwurs hat seine guteBerechtigung. Hebbcl erklärt einmal, er strebe nur die Schön-heit an, die aus dem Kampf hervorgehe, und wo das Ringen fehle,genügen ihm auch manche Dichtungen Goethes nicht. Hier ist,glaube ich, klar ausgesprochen, was wir Neueren bei GeibelsDichtungen vermissen. Es ist eine kampflose Schönheit, der ebendeshalb die Beziehungen zu uus fehlen. Jeder Mensch hatAugenblicke rein gestimmter Empfindung und vermag deshalbeinzelne „halcyonische" Dichtungen nachzuempfinden — Gedichte,bei denen die Poesie verklärend und erhellend über dem Meerder Leidenschaften schwebt. Eine ganze Sammlung aber, oder einganzes Dichterleben voll solcher „reiner Harmonie" macht unsnicht nur mißtrauisch, sondern läßt uns zuletzt aus dem Venusbergheraus begehren, läßt uns die Sehnsucht empfinden aus Freudennach Schmerzen. Wir fühlen in dieser Auslese nur der Sonntageein Verbrechen gegen die Heiligkeit des Lebens, alles Lebens; uudwir werfen dem Dichter trotzig alle die Wirklichkeit ins Gesicht, dieer vornehm ignorieren zu wollen scheint.
Geibel selbst war nicht ganz frei von solchen Empfindungen.Wohl hat er in der frischen Entschlossenheit der Jugend ausgerufen:
Gebt mir vom Becher nur den Schaum,
Den leichten Schaum der Reben!
Aber seine lebhafte und feurige Natur war doch nicht dazn ge-schaffen, immer nur zu lächeln. Er fühlte tief, was er den „Bild-hauer des Hadriau" in einem seiner schönsten Gedichte sagen läßt:
O Fluch, dem diese Zeit verfallen,
Daß sie kein großer Puls durchbebt,
Keiu Sehnen, das, geteilt von allen,
Jni Künstler nach Gestaltung strebt.
Wohl bändigeu wir den Stein und küreu,
Bewußt berechnend, jede Zier —
Doch, wie wir glatt den Meißel führen,
Nur vom Vergangnen zehren wir.
O trostlos kluges Auserlesen,
Dabei kein Blitz die Brnst durchzückt!
Was schöu wird, ist schon dagewesen,
Und nachgeahmt ist, was uus glückt.
Fast ganz könnte man sich diese Worte aneignen, um Geibelseigeue Kunst zu charakterisieren. Nur das „bewußt berechnen"