Gcibels Bedeutung, 367
nach der Thronbesteigung des Königs Ludwig, erkaltete das Ver-hältnis zwischen Fürst und Dichter; bei der Parteinahme „für oderWider Richard Wagner" entschied die Krone gegen Geibel undseine Freunde. Politische Gegensatze kamen hinzu: der Norddeutschebegrüßte freudig die Einheitsbestrebungen, die der König von Bayernnoch anfeindete. Geibel gab seine Stellung und sein Jahresgehaltauf und kehrte (1868) nach Lübeck zurück, wo er mit großen Ehrenaufgenommen wurde und wahrhaft fürstlichen Ansehens genoß. DerKönig von Preußen verdreifachte ihm, was der von Bayern ihmeinst gegeben hatte, und brachte ihm viel mehr: das ersehnte Glücks-gefühl, in einem starken, einigen Deutschland zu leben. Man feierteim ganzen Lande Geibel als den Herold des neuen Reichesund verzieh es gern dem Herold, daß er nur noch wenige Tönein seiner Trompete hatte, wie sie neue Sammlungen („Gedichte undGcdenkblätter" 1864, „Heroldsrufe" 1871, „Spätherbstblütter"1877) erklingen ließen. Als ein Liebling seiner Nation ist er nachlangen, schweren, aber tapfer und kräftig getragenen Leiden fastsiebzigjährig (6. April 1884) gestorben.
Nach Heine uud Freiligrath ist Geibel der dritte große An-reger der neueren deutschen Lyrik; Storm hat seinen Einfluß viel-leicht erreicht, schwerlich Scheffel. Man kann behaupten, daß alleformstrengeren Lyriker von ihm gelernt haben. Stark gewirkt hater vor allem auf die große Gruppe der lyrischen Epiker, Stormund Heyse, Jensen und Lingg uud Grosse; aber auch weiterhin aufdie klangfroheu Lyriker der neuesteu Zeit wie Falke nnd Busfe,auf Detlev v. Liliencron, ans viele andere; hat doch sogar ArnoHolz , der leidenschaftlichste Verfechter des doktrinären Ultranatura-lismus, mit einem „Gedenkbuch" für Geibel seine Bahn eröffnet.Dieser Einfluß zeigte sich vor allem in technischen Dingen, doch auchin der ganzen Auffassung des Dichterberuses; in der Überschätzungder „reinen Lyrik", aber auch in der Neigung zu lyrischen Dramen.Im ganzen ist Geibels Wirkung überwiegend heilsam gewesen,erzieherisch, mäßigend, sammelnd. Eine Schulung von dieser Artwird den großen Talenten zwar nicht so viel bieten können, wieetwa der stürmische Einfluß der Romantik, setzt sie aber auch nichtden Gefahren aus, unter denen Armin, Brentano, Jmmermann zuleiden hatten. Für mittlere Begabungen aber kann die Mahnungzu bestimmten Idealen, die Warnung vor lässiger Bequemlichkeitsehr heilsam seiu. Und nur daun hätten wir ein Recht, die gute