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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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18401850,

Mittelware unter den Dichtern vornehm ganz zu verurteilen, wennwir selbst alle Leser von erstem Range wären.

Für die mittleren Begabungen aber war immerhin auch hiereine doppelte Gefahr vorhanden. Eine Überschätzung der äußerenForm konnte zu einer völligen Vernachlässigung der inneren führen;und der litterarische Charakter der Schule konnte eine exklusiveBildungspoesie" zeitigen. Beispiele für beide Irrwege fehlen nicht.Schon das undramatische, weil rein lyrische Drama der GeibelschenSchule zeigte den ersten Mangel: dieschone" Form verdarb hierdie charakteristische, das Ideal der Glätte zerstörte die Kraft, diedas Bühnenspiel nicht entbehren kann. Das gilt für Geibels eigeneDramen, ebenso aber für die von Schack und Kruse, von Grosse,von Heyse , dem nur ausnahmsweise der kräftigere Ton vonCol-berg" undHans Lange" glückte. Aber der Meister hatte wenigstensauf dem lyrischen und dem lyrisch-epischen Gebiet ein feines Gefühlfür das Geheimnis der Form und vergriff sich nicht leicht so ganzin demEthos" einer metrischen Gestaltung, in der Eigenart derForm, die der des Inhalts entsprechen muß. Gerade hieriu stauder hoch über der Willkür, mit der Jmmermann oder Hebbel oderspäter Hamerling beliebige Rhythmen zur Einkleidung ihrer Gedankenwählten. In diese Willkür sielen aber mancheMünchener" zurück,vor allem bei dem wechselvollen Spiel der Metra in längeren Epen.Lingg vergriff sich nnr darin, daß er seineVölkerwanderung"überhaupt reimte; aber Grosse kam mit seinemVolkramslied" zueinem unorganischen Gemisch der Metra und Rhythmen, das nurselten dem wechselnden Inhalt, öfter dem bloßen Spiel mit derForm entsprang. Auf diese Weise kam dasgereimte Epos" auseine gefährliche Bahn, und bei geringerer Buntheit der Formen habenNeuere wie Heinrich Hart in seinemLied der Menschheit" undGerhart Hauptmann im Promethidenlos" die charakteristischeForm nicht minder störend verpaßt als Schack und Grosse. Dertypische Vertreter dieses Irrwegs ist Heinrich Kruse (geb. 1815)aus Stralsund , der in zahllosen Tragödien (Die Gräsin" 1868von der Schillerpreis-Kommission neben GeibelsSophronisbe"genannt!) einen völligen Mangel an Verständnis für die Eigenartder tragischen Form bewies und durch seine glatten, charakterlosenVerse auch den letzten Rest von Charakterzeichnnng verwischte, vorallem aber durch die zarte Rücksicht auf keusche Ohren seine Trauer-spiele aus grauer Vorzeit bis zur Lächerlichkeit anachronistisch färbte.