Epigonen Geibels.
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Rosamunde, des wilden Langobardenfürsten Alboin furchtbaresWeib, will nicht an seiner Seite sitzen
Beim rohen Mnnnermahl! Beim Tischgelag!Allein wer konnte Zartgefühl erwartenBon einem halben Wilden?
Das geht denn doch noch über den „Sohn der Wildnis" hin-aus, dessen Autor wenigstens ein Gefühl für dramatische Effektehatte! Trotzdem sind diese musterhaft talentlosen Tragödien wegeneiniger lyrischer Schönheiten und häufigerer glücklich didaktischerVerse ein Jahrzehnt lang als Meisterwerke gefeiert worden undhaben den Werken der Hebbel und Ludwig, der Kleist uud Grill-parzer den Platz wegnehmen dürfen — so war das Publikum undzumal das Recensententum von der „schönen Diktion" entzückt, überdie jeue Großen sich mit oft berechtigter Schärfe geäußert haben!Übertrieben war auch der Beifall, den Geibel selbst und auf seinZeichen die Kritik Kruses „Seegeschichten" (1880, 1889) zn teilwerden ließ — unbedeutenden, aber zum Teil gauz hübschen Er-zählungen in anspruchsvoll epischem Gewände. Verdienstvoll hatKruse dagegen als Redakteur der „Kölnischen Zeitung " (seit 1849)gewirkt, indem er an diesem Wcltblatt für Deutschland wohl zumerstenmal eine allgemeine Hebung von Stil und Sprache durch-setzte: bis dahin hatten unsere Zeitungen wohl auf gut geschriebeneLeitartikel gehalten, zuweilen auch auf leidliche Feuilletons, dieKorrespondenzen aber beinahe ganz dem sprachlichen Belieben ihrerBerichterstatter überlassen. Hier hat Kruse der Respekt vor der reinenForm glücklich geleitet; hier aber hat er leider nicht so viel Nach-folge gefunden als mit der „schönen Sprache" seiner Trauerspiele.Jahrelang drängten sich nnn znmal auf unseren Hostheatern die„Oberlehrer-Tragödien". Schließlich hatten sie doch die Ausdauerdes Publikums erschöpft, und als Opfer der berechtigten Ungeduldfiel Franz Nissel (1831—1893), der letzte Geibel-Dramatiker,aus dem man dann unter Anleitung seiner Selbstbiographie (er-schienen 1894) einen Märtyrer gemacht hat. Und doch erhieltseine „Agnes von Meran " (1877) noch neben einem Werk Anzen-grubers den Schillerpreis — ein Epigone der Epigonen ward gekröntin dem Moment (1878), da neues Drama, neue Kunst, neuesLeben schon so herrisch und vernehmbar an die Thür pochten!
Wie Kruse für die Überschätzung der äußeren Glätte, so istAdolf Friedrich von Schack (1815—1894) für die Uber-
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