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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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377
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Graf Strachwitz.

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hold: es ist der Schwung einer stürmischen Seele, die in jedesWort ihr ganzes Verlangen legt.

Rasch und stürmisch rollen auch seiue Versemit mehr alsdeutscher Schnelle" einher und schöpfen in kurzen ZwischenversenLuft von der atemlosen Hast, wie in dem wunderschönen GedichtDie Rose im Meer"; und unwillkürlich teilt sich uns ihr Rhyth-mus mit, wie er es selbst in einem Liebeslied schildert:

Im Takte wogt dein schönes Haupt,Dein Herz hört stille zu

Und ehrlich, gerade bekennt er auch seine Sünden, wie in demernsten GedichtBöses Gewissen", seine Schwächen, wie in jenemWie gerne dir zu Füßen". Ganz wie er ist, tritt er vor unshin: ein zum Leben Erwachter, zum Kampf uud zum Gennß desLebens. Wie viel näher tritt uns diese warmherzige Jugendlichkeitals die kaltereife Kunst" der Schack und Bodenstedt! Wir wiegenuns mit seineu Terzinen aus Venedig in der Gondel, träumen mitdem todkranken Dichter, der sich, in die Kissen zurückgelehnt, sonnt,und fühlen ihm seinen Haß gegen Schreiber und Krämer undEisenbahn nach. Er war ein Liebling der Frauen; er sollte auchein Liebling unserer Jugend sein.

Mit Strachwitz war Heinrich v. Mähler (18131874) ausBrieg eng befreundet, der imTunnel" seine bekannte, aber vielzu pompöse BalladeZu Quedlinburg im Dome" vorgelesen habenmag, gerechteren Ruhm aber mit einem der vortrefflichsten Studeuten-lieder geerntet hat, die wir besitzen:Grad' aus dem Wirtshausnun komm' ich heraus". Als der fleißige und wohlwollende Be-amte der frömmste und orthodoxeste Kultusminister geworden war,den Preußen seit lange besessen hatte, haben seine Gegner ihm dieslustige Lied oft vorgehalten, so in einer wirksamen Flugschrift(Ein Kultusminister, der seinen Beruf verfehlt hat", 1872) derfortschrittliche Abgeordnete Parrisius. Mit Unrecht, glaube ich.Die Feindschaft gegen denBourgeois-Liberalismus", wie sieBismarcksrechte Hand", Lothar Bucher , Strachwitz, Mühler jederin seiner Art bekundet haben, verträgt sich mit einer trinkfröhlichenStndentenlust sehr gut; haben doch beide in einer philisterfeiud-licheu Romantik ihren Nährboden!

Während sich so der politische Kamps in der Dichtung ab-spiegelte und der aristokratischeGraf" durch seine Parteinahme sichdie Popularität verscherzte, die unbedentendere Dcmokratendichter