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treuen Freundin, gefunden „was wohl die Erfüllung des Traumeseines jeden Schaffenden ist: alle Annehmlichkeiten, alles Behagendes Familienlebens ohne eine seiner Verpflichtungen". Von Liebeund Ehrfurcht umgeben hat hier in voller Geisteskraft, wenn auchkörperlich gelähmt, die Dichterin fast das achtzigste Jahr erreichtigest. 5. Juli 1894), ganz dem Leben und dem Schaffen hinge-geben, unermüdlich im Genuß ihrer Lieblingsbücher (bei ihr gehörtenoch Schiller dazu, der sonst „unmodern" zu werden begann) undversunken in die Betrachtung des Weltlaufs.
Betty Paoli ist stark didaktisch, wie Geibel, wie Freytag, unddoch aus anderer Wurzel. Eine schwere Erfahrung fiel in ihrLeben noch nach jener Verarmung und ihren Folgen — Erfah-rungen beides, die sie mit der edlen Dichterin „der Letzten Recken-burgerin" teilte. Sie durchlebte eine tiefe leidenschaftliche Liebe —und fand, daß der Mann ihrer Wahl nicht stark genug war fürso viel Liebe. Dies Problem der geringeren Liebesfähigkeit desmännlichen Geschlechts bildet nicht nnr, wie R. M. Werner ge-zeigt hat, das Gruudmotiv fast all ihrer Novellen („Die Welt undmein Auge" 1849), sondern es erschuf ihre Eigenart auch in denviel bedeutenderen Gedichten. Als die erste Sammlung (1841) er-schien, erregte sie in Wien große Begeisterung, die freilich auf dieHeimat der Dichterin beschränkt blieb; eine Dame der „hohen Ge-sellschaft" rief der jungen Marie von Ebner-Eschenbach zu, dieseGedichte dürfe man nur knieend lesen. Mindestens wird damit gutausgedrückt, welches Gefühl schon das erste Auftreten der Dichterineinflößte: Ehrfurcht. Hier schou ist eine starke, herrschgewaltigePersönlichkeit zu erkennen, die sich ganz bezwingt, die sich völligunterwirft, sich einem Gefühl hingiebt, stark und wahr. Undals nun jene schwere Erfahrung ihr das Glück, auf das sieihre Existenz gesetzt hatte, für immer raubte, da faßte sie stolz undgroß ihr ganzes Fühlen zusammen und widmete es ihrer Pflicht.Auch sie empfand die Poesie als priesterliche Kunst, als einzig un-trügliche Offenbarung der Wahrheit — aber keiner einzelnen Wahr-heit, sondern der allgemeinen von der Pflicht, stark und gut zufein. Beschaulich im höchsten Sinn ist ihre Dichtung; schon in derForm spiegelt sich das ab. „Das Nachsinnen, Vorsichhertränmeuder Dichterin", sagt R. M. Werner, „gefällt sich in jenem eigentüm-lichen Gang, den wir an der sogenannten Priamel gewohnt sind:eine Reihe von scheinbar unzusammenhängenden Sätzen erhält erst