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1840-1850.
durch den zusammenfassenden Schlußsatz einen ungeahnten Sinn.Dieser Gang, der scheinbar nicht vom Platze kommt und doch zueinem Punkte mit weiter Aussicht führt, paßt gauz ausgezeichnetfür eine nachdenkliche Natur gleich der BcttyIPaolis." Beschau-lich also, aber im Sinne einer weiten Aussicht — ähnlich rühmtein Kritiker Marie von Nathusius einen Blick sür das Ganzedes Lebens nach. Und so ist auch iu ihren zahlreichen gnomischenZwei- und Vierzeilern nichts von der oft kleinlichen Detail-weisheit so vieler Didaktiker, wie des auch von ihr als Lehrerverehrten Rückert. Er war als großer Meister der Form dieserZeit wieder wert geworden; mochte auch Herwcgh der „Blume vomGanges" spotteu — Schack, Strachwitz, Betty Paoli wußten vondem zu lernen, der einst für Grillparzer, der auch für Hebbel nurein „ausgestopfter Adler" war. Aber die Frau hat hier ihren Blickauf das Große allein gerichtet, wo der Mann nur zu geru sich imKleinen verlor. Das gilt von der Form, in der ihre schlichte Kraftsich mit den einfachsten Versmaßen behilft; das gilt für den In-halt. Was sie predigt, hat sie erlebt, wie Strachwitz erlebt hat,was er erzählt. Bekenntnisse sind ihre gnomischen wie ihre lyrischenDichtungen. Und hier liegt ihre Stärke: in der Intensität desgeistigen Erlebnisses, in der Ehrlichkeit der Wiedergabe. Weit bleibendahinter die Balladen zurück. Ihr gehörte der „Ausschrei" desleidenschaftlichen Herzens, ihr das rückhaltslose Geständnis der„Briefe an einen Verstorbenen", ihr der starke Kampf mit dereigenen Seele im „Tagebuch". Groß und einfach durfte sie sagen:
Ich bin nicht? weiter als ein Herz,Das viel gelebt nnd viel gelitten,
und ihre Grabschrist dnrfte bekennen, daß die Wahrheit ihrer SeeleOdem und daß getreu bis an den Tod sie war.
Und mit der großartigen Wahrheitsliebe dieser Frau vergleicheman nun die Dichtung des Mannes, der einen Augenblick lang imkonservativen Lager als Prophet der Wahrheit galt, der der ge-feierte Vorkämpfer des Christeutums hieß!
Oskar von Redwitz (1823—1891), ein Jurist aus altemkatholischen Adelsgeschlecht, ließ ans der Grenze von Revolutionund Reaktion (1849) sein „Amaranth" erscheinen. Man jauchztedem Sänger frommer Minne zu; die Auflageu jagteu sich; derDichter erhielt (1851) eine Berufung als Professor der Ästhetik undLitteraturgeschichte nach Wien — Wilhelm Scherers spätere Stelluug