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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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Oskar r>. Rcdwitz,

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sollte einer jener nur durch wissenschaftlichen Dilettantismus legi-timierten Dichter erhalten, die damals Lehrstühle als Pfründenerhielten, wie Geibel nnd Bodenstedt sie bekamen, Sallct und KlausGroth sie erhofften. Aber Redwitz kehrte bald aus der Verpflichtungzu einem festen Beruf iu seinen behaglichen Dilettantismus zurückund dichtete Dramen im modischen Stil (Thomas Morus " 1856,Philippine Welser " 1859) auf seinen Gütern und (seit 1861) inder Dichtcrhauptstadt München . Dort kam er zu hohen Ehrenund ward auch in den bayerischen Landtag gewählt als liberalesMitglied. Das neue deutsche Reich begrüßte er (1871) mitehrlichem Enthusiasmus, denn für das Kaiserreich hatte auchder Autor derAmaranth" schon geschwärmt. Überhaupt ist ander Redlichkeit des fränkischen Edelmanns nicht zu zweifeln; er warnur eben Dilettant auch in seinen Überzeugungen. Aufsehenerregte dann noch einmalOdilo" (1878), das die Erziehung eineskatholischen Deutschen der nenesten Zeit vom Mönch zum frei-sinnigen Arzt schildert nnd um dieser Tendenz willen einen Bei-sall fand, den das Buch als Kunstwerk nicht verdiente. Für dieLitteraturgeschichte ist und bleibt Redwitz nur der Verfasser vonAmaranth", denn nur dies Versepos ist eine charakteristische Er-scheinung; die Dramen und Nomaue gehen in der Masse ihrer Ge-schwister spurlos verloren.

Um so charakteristischer ist freilichAmaranth" und derErfolg des Buches. Ein tugendhafter Musterjüngling aus demMittelalter, wo es amdeutschesten" ist, läßt sich einen Augenblickvon der gleißenden Schlange voll welscher Tücke Ghismonda um-garnen. Aber nachdem er sie auf die Probe gestellt hat, bestrafter sie in brutalster Weise uud kehrt zu Amaranth, dem unschein-baren Edelstein von deutscher Art, zurück. Die Charakterzeichuungist im Stil Fouaues, doch ohne dessen versöhnende Naivetät. JungWalther renommiert mit Tapferkeit und Stärke und sagt dann mitherzgewinnender Freude an der eigenen Unschuld:Ich bin einehrlich deutsches Blut"; und die zarte Jungfrau Amaranth stelltin süßlichen Liedern Betrachtungen über Mutterliebe und Er-ziehung an . . .

Amaranthen" ward mit Recht ein Spottwort für fadeSentimentalität. Aber dies Produkt reinster Backfischpoesie hatuns all jene erschreckliche Malerei eingebracht oder doch angekündigt,mit der dieMeister" Sichel und Seifert und wie sie alle heißen