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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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184018S0.

dasHeim schmücken": minnigliche Maidlein, an einen Baumstammgelehnt, sehnen sich mit tellergroßen Augen nachihm", oder sinnigeJungfrauen vergehen schmachtend inseinen" Armen.

So stand dicht neben der Roheit, zu der die revolutionäreLyrik zumal nach dem Fehlschlag der Revolution nur zu oftheruntersank, die unerträglichste Empfindelei. Sie standen sich anchin den Versuchen, die Weltanschauung der Zeit zu formulieren,Aug in Aug gegenüber. Ans der einen Seite ein grober Materia-lismus, der Feuerbachs romautische Vergötterung des Menschlich-Allzumenschliehen in die renommistische Formel umsetzte, der Gedankesei nur eine Sekretion des Gehirns wie andere Körperteile andereSekretionen absonderten; auf der auderu ein zierlicher Idealis-mus, der das Universum mit Milliarden kleiner Porzellanseelchenanfüllte. Dort eine überstarke, aus das große Publikum berechneteAgitatorensprache; hier eine Überseine, denAuserwählten" schmei-chelnde Salonrede so nehmen sich nebeneinander die typischenVertreter der Philosophie jener Tage aus, beides Söhne desgleichen kinderreichen Jahres 1817: Karl Vogt und HermannLotze (18171881).

Für die Stimmung der Gebildeten um 1860 ist LotzesMikrokosmus" (18561869) eiu unschätzbares Dokument, magauch die unmittelbare Wirkung dieses philosophisch-religiösenLaicnevangeliums gering gewesen sein. Lotze faßt im Sinne deralten Scholastiker den Menschen als verkleinertes Spiegelbild, alsModell der großen Welt auf; zugleich aber deutet der Name aufden Ehrgeiz, demKosmoS " Humboldts ein Gegenstück zu geben,seiner Beschreibung der äußeren Welt eine solche der inneren Weltzur Seite zu stelleu. Nun kann nichts bezeichnender sein als derGegensatz dieser beiden Werke. Der Naturforscher wollte überallPhilosoph sein; der Philosoph will jetzt nur als Naturforscher er-scheinen. Skeptisch lehnt er Erklärungen ab, die bisher unbestrittengalten, um die Unerforschlichkeit der letzten Gründe nachdrücklichzu betoueu. Selbst die stete Folge von Ursache und Wirkung seinichtnotwendig", sondern in jedem Einzelfall nur durch GottesWilleu vermittelt. Die möglichst klare uud vollständige Beschrei-bung aller wirklicher Beobachtung fähigen Phänomene erscheintihm (wie später dem großen Physiker Kirchhofs in seiner berühmtenDefinition der Aufgabe seiner Wissenschaft) als das Höchste, waswir erreichen können. Aberdie leuchtende und tönende Pracht der