Hermann Lotzc,
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Sinnlichkeit" ist ihm auch nicht mehr Symbol, sondern im Gegen-teil Endzweck der Schöpfung, und jenes andere, worin wir in be-fangener Täuschung erst das wahre Wesen der Dinge suchen, istnichts als der Apparat, auf dem die allein wertvolle Wirklichkeitdieser schonen Erscheinung beruht.
Man bedenke wohl, was dies Eingeständnis bedeutet! Vielleichtzum erstenmal, seit Philosophen die Welt als ein Ganzes zu be-greifen versuchten, wird die sichtbare Fülle der Erscheinungen selbst,wird das, was Goethe „die Natur" nannte, in einem philosophischenSystem als letzter Zweck der Schöpfung anerkannt. Der künstlerischeWille Gottes, eine bunte Welt zu schaffen, wird zum Grund-gedanken aller Existenz gemacht — nicht mehr ideologisch-Päda-gogische Absichten eines Erziehers der Menschheit, aber auch nichtmehr blinder Zufall der Elemente. Jene mächtige Freude an derWirklichkeit, deren Aufsteigen wir beobachteten, hat es endlich auchzu philosophischer Anerkennung gebracht; jener feine Epikureismusdes Kunstgenusses, des Sammelns und Übersetzens, der die ganzeZeit erfüllt, feiert in der möglichst vollständigen Beschreibung derwunderbaren Phänomene dieser Welt seinen höchsten Triumph.Sauber und zierlich bildet der Philosoph in sorgfältigen Modellenund Präparaten die Formen des Lebens, die Sitten, die Kunst-anschaunngen, die Körperteile iu ihren gegenseitigen Beziehnilgennach nnd stellt sie triumphierend vor uns hin; freilich, der unge-heuere Prozeß der Weltgeschichte so niedlich dargestellt, befremdetkaum minder als eine allzu elegante Ballade aus der SchuleGeibels. — Auch die Befreundnng mit der Gegenwart fehlt nicht,die gegenüber dem seit lange hergebrachten und noch fortdanerndenVerketzern der „Jetztzeit" (welches gräßliche Wort um jene Zeit,1844, Johannes Scherr in die Mode gebracht zu haben scheint)ihr Recht wahrt. Worin die „Schönheit" der Neuzeit besteht, hatLotzes feiner Sinn wohl zuerst angedeutet:
Gegenüber der Umständlichkeit und dem Ungeschick unzähliger frühererLebcuseinrichtungen, welche Vorliebe sür die Eleganz der kürzesten Aus-lösung jeder Schwierigkeit! in dem Bau der Maschinen welche knappe,saubere Einfachheit, wie große Effekte durch geistreiche Kombination wenigerMittel! Auch darin ist unzweifelhaft Schönheit, und auch an dem nichtmehr antik drapierten, nicht mehr träumerisch lauggelockten, sondern kurz-geschoreueu, kurz augcbuudcueu Geist der Gegenwart kann man sich herzlicherfreuen und ihm wünschen, daß er aus diesem kleiueu Keime eiueu große»Baum originaler Lcbensschönhcit aufziehen möge.