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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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Jakob Burckhardt . Ferdinand Gregorvvins.

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Abstand kommt nach jenen beiden größten Meistern, die jeder selbstein Stück Weltgeschichte sind, Ferdinand Gregorovius (18211891) ans Neidenburg in Ostpreußen . Auch er begann alsDichter; aber wenn Mommsen und Burckhardt Lyriker sind, ist erEpiker. Er debütierte mit dem jungdeutschen RomanWerdomarund Wladislaw" (1845), der alle Mängel dieser Gattung inwünschenswertester Vollständigkeit ausweist. Anderen dichterischenVersuchen war geringer Erfolg beschieden; nur die anmutige Dich-tungEnphorion" (1858), die zuerst Gregorovins' Talent zeigte,aus einem bestimmten Boden, hier Pompeji , individuell bedingteGeschichte hervorgehen zu lassen, hat mehrere Auflagen erlebt.Dann entdeckte er, zuerst bei einer Beschreibung der Insel Korsika (1854), sein eigentümlichstes Talent: das des litterarischen Historien-bildes. Wie kaum ein zweiter Historiker war Gregorovins durch-drungen von dem Gefühl der engsten Znsammengehörigkeit desLandschaftsbildes mit seiner Geschichte. Was bei dem großen fran-zösischen Historiker Taine Ergebnis einer rechnenden Abstraktionwar, ward bei Gregorovins dnrch die künstlerisch ausmalende An-schauung hcrvorgedrängt: die Erlebnisse, die sich auf dem Bodeuitalischer Landschaften abspielten, schienen ihmnotwendig wie desVanmes Frucht", und er hätte es wohl gewagt, einem noch jung-fräulichen Boden seine Zukunftsschicksale zn prophezeien. Daßdabei viel Selbsttäuschung des ex xost wahrsagendenrückwärtsgewandten Propheten" mit unterlief, versteht sich von selbst; ander-seits hat es aber in der Deutung der historischen Physiognomievon Land und Leuten schwerlich einen größeren Meister gegeben alsden Verfasser der prächtigenWanderjahre in Italien" (18561877) und derGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter" (18591872). Ein nicht eben zahlreich, aber glorreich vertretener Zweig derdeutschen Prosa: die Psychologie der Landschaft, hat in ihm einenKünstler gefunden, der an schriftstellerischer Kraft Alexander vonHumboldt ebenso weit übertrifft, wie dieser seinen Meister GeorgForster übertraf. Nur Jakob Philipp Fallmerayer (17901861), der geniale Tiroler Tagelöhnerssohn, kann mit seinenprächtig geschriebenen, jetzt fast vergessenenFragmenten aus demOrient" (1845) als Schilderer der historischen Landschaft nebenihm stehen. Dazu trug freilich bei Gregorovins auch der Gegen-stand seiner Schilderungen bei: die uralte Sehnsucht des Germanennach Hesperien hat sich in diesem Sohne des nördlichsten Preußen