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1840-1850,
über die die deutsche Prosa verfügt. Würdig folgt ihm der Mann,der Rankes Nachfolger in Berlin hätte werden sollen: Jakob Burck-hardt (1818—1897) aus Basel , auch er ein Gelehrter, der diestaunenswerteste Vielseitigkeit mit unübertrefflicher Gründlichkeit zuvereinen wußte, auch er eine geborene Forschernatur, die die stärk-sten Impulse aus der Dichterseele zog, aus dem Bedürfnis, großeEpochen und Momente in der ganzen unerschöpflichen Fülle ihrerWirklichkeit nachzuerleben. So schenkte er uns die „Kultur derRenaissance in Italien" (1860), ein Werk, das man das voll-kommenste, nach Form und Inhalt fehlerloseste gelehrte Werk derdeutschen Litteratur nennen mochte, wenn man in solchen DingenSuperlative wagen dürfte. So ergänzt er gleichsam MommsensHauptwerk durch feine „Zeit Konstantins des Großen" (1853), inder er die „Selbstzersetzung der antiken Kultur" schildert, undGregorovius ' „Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter" durchseinen „Cicerone" (1855), eine als Anleitung zum Genuß der Kunst-werke Italiens gefaßte Kunstgeschichte. Scheinbar also hat er meistneben die Staatsgeschichte gebaut, die kulturelle, religiöse, kunst-geschichtliche Würdigung statt der staatlichen gegeben. Thatsächlichgehört Burckhardt durchaus zu den „politischen Historikern". Ihmist die Politik nur eine einzelne Erscheinnugssorm der Kultur, der„Staat als Kunstwerk" steht neben anderen Kunstwerken, und wiefür sie ist auch für ihn zu prüfen, ob jene großen Ideen, die Burck-hardt vor allem iu der Autike und der Renaissance verwirklichtsieht, noch fortdauerndes Recht haben. Die begeisterte Hingabe andie Schönheit bestimmt Burckhardts Stellung ans feiten eines durchSchönheitsgefühl gebundenen Individualismus. Dem entspricht seinStil, den Carl Neumann in einem zum Verständnis des großenHistorikers unentbehrlichen Essay glänzend charakterisiert hat: „Erist körnig uud saftig zugleich; vor allem ist es der Ausdruck einergroßen geistigen Freiheit dem Stoff gegenüber . . . Der Untergrundeiner sozusagen humoristischen Freiheit, die selbst kleine Bosheitennicht verschmäht, erinnert au Gottfried Keller und ist wohl derZug, worin sich Burckhardt am stärksten von den reichsdentschenHistorikern unterscheidet, die meist im Banne irgend eines Pathospolitischer oder religiöser Färbung stehen." Auch an GottfriedKellers Altersgenossen Fontane wäre hier zu erinnern, bei demsich wie bei Burckhardt und Keller die etwas blasierte Ironie Lotzesin einen weltüberlegenen Humor gewandelt hat. — In einigem