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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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Droysen, Sybel. Mommsen .

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und ward der eigentliche Bahnbrecher derpolitischen Geschicht-schreibung". Diese begann, sobald zu der Beachtung der dauerndenpolitischen Ideen (die schon bei Montesquieu , 16891755, uudGibbon, 1737 1794, nicht gefehlt hatte) die beständige Prüfungihrer Bedeutung sür die Gegenwart trat. Wie weit sind die altenIdeen von den Beziehungen zwischen Staat und Kirche, zwischendem Staatsinteresse und dem Recht des Einzelnen, zwischen Moralund Politik, zwischen Tradition und Natnrrecht nochlebendig"?Wie weit verlangen sie bei der Umgestaltung von Staat, Kirche,Moral, Politik auch ihrerseits Modifikationen? Das waren Probleme,die gerade Sybels kampffreudige Natur an jede Erörterung eineshistorischen Problems anzuknüpfen liebte. Indem er jene Ideen nichtals unabänderlich gegebene Maximen auffaßte, sondern als Resultatewechselnder Zeitverhältnisse, gelangte er über die französische Revo-lution und die Entstehung des Deutschen Reiches neben der Unab-hängigkeit Nordamerikas die größten Phänomene der neueren Ge-schichte zu ueuen Ergebnissen. SeineBegründung des DeutschenReiches" (seit 1394) ist ein Nationalwerk geworden wie nur nochTreitschkesDeutsche Geschichte". Daneben fordern glänzende Vor-träge und Abhandlungen allgemeine Beachtung, alle mit jenersouveränen Freudigkeit des siegesgewissen Verstandes geschrieben, dieSybels Stil seinen eigenartigen Reiz giebt. Neben Sybel stehtTheodor Mommsen (geb. 1817) aus Garding in Schleswig mitseiner monumentalenRömischen Geschichte"(18541856),dersounvergleichlich in den Charakteren und den Verhältnissen die dauern-den Elemente von den nur historisch bedingten zu trennen weiß, derformgewaltige Meister der psychologischen Schilderung. Niemandhat so umfassend wie er alle Geistesäußerungen einer Nation fürdie Beurteilung ihrer historischeu Eigenart beherrscht, Sprache undFeldmeßkunst, Münzen und Mythologie, Rechtswesen und Per-sonalnotizen so unbedingt zu seiner Verfügung gehabt. Dabei istdiesem Geist selbstverständlich, in allen großen Geistesregungenauch der Gegenwart zu leben; er ist so natürlich aktiver Politiker,wie er ein vollendeter Goethekenner ist, und daß er auch gedichtethat (Liederbuch dreier Freunde", mit seinem Bruder Tycho undmit Theodor Storni, 1843), ließe sich voraussetzen, wenn wir «snicht wüßten. Ein Stil von großartiger Eigenheit, dessen Sub-jektivität freilich von Rankes Objektivität weit absteht, führt ihnweiter in die nicht allzu große Zahl origineller Sprachgebieter ein,

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