„Die verlorene Handschrift". 401
Das merkwürdigste Beispiel für das geschichtliche „Durchblicken" in denCharakteren gemährt die Art, wie Freytag feine Heldin Ilse charakterisiert.Schon im Anfang erscheint sie wie eine „Seherin der Vorzeit", und so alt-deutsch nimmt sie sich für einen der gelehrten Herren aus, das; dieser sie- geradezu in die Epochen deutscher Vergangenheit zurückversetzt. Er denkt siesich in der Sachsenzeit als Priesterin am Opfersteine: dann als christlicheMethspenderin, im dreißigjährigen Kriege als Neiterstvchter, im vorigenJahrhundert als Pietistin, immer ist sie dieselbe und gleiche altdeutsche Artund altdeutsche Schönheit. Diese Auffassung, die dem Dichter selbst inne-wohnt, hat der Ilse ihr natürliches Bauernblut genommen, trotz ihrer An-mut ist sie keine lebenswahre Gestalt, sondern das Erzeugnis eines Ge-lehrtengehirnS.
Freytag lebt hier nicht mehr mit seinen Figuren; daher wirdauch die Sprache oft manieriert, der Humor erzwungen.
Das Verdienst der beiden Romane bleibt doch ein großes.Die ganze Ausdehnung des Alltagslebens war endlich dem deutschenRoman wiedererobert; die Freude an einfachen, gesunden Verhält-nissen hatte in der deutschen Litteratur ihr lange verlorenes Bürger-recht wiedergewonnen. In der Eroberungsgeschichte uuserer litte-rarischen Welt kommt dem Verfasser von „Soll und Haben " undder „Verlorenen Handschrift" ein hochragender Ehrensitz zu.
Und demselben Mann gelang nnn auch die noch größere That,der deutschen Nation ihr Geistesleben durch Jahrhunderte zu neu-erworbenem Besitz zu schenken.
Freytag hatte seit Jahren zu den „Grenzboten" einzelne Auf-sätze kulturhistorischen Inhalts beigesteuert. Sie stellten sich in eineLinie mit den andern Artikeln, die jetzt als „Aussätze zur Ge-schichte, Litteratur und Kunst" und „Politische Aufsätze" (1887)gesammelt vorliegen. Beiträge zur Biographie des deutschen Volkessind es alles. Mag er nun in meisterhaften Charakterbildern OttoLudwig , den großen Philologen Moritz Hanpt, Holtet, Chamisso,Willibald Alexis, Reuter, Charles Dickens nach ihrer Eigenart undEntwickelung liebevoll eingehend vorführen; mag er an Dramenvon Grillparzer , Halm, Geibel, Kruse, an der Vergleichung deutscherund französischer Schauspielkunst die Individualität der germanischenBühne studieren; mag er Anekdoten aus dem deutschen Volks- undGelehrtenlcben mit seltener Kunst vortragen; mag er in den be-rühmten Artikeln der Jahre 1848 und 1849 („An den BauerMichael Mroß"; „Adelig uud Bürgerlich; „Petition der Zigenner";„Deutsche Gemütlichkeit iu Kriegszeiten") und einigen kaum minderglänzenden der Folgezeit („Der Konstablerismus"; „Die Schwüle
Meyer, Litteratur. 26