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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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der Erwartung";Neues und altes Kaiserceremoniell"), besondersauch in den tapferen Kriegsberichten von 1870 männlich und offendie echte deutsche Art gegen alle Verfälschungen und Verdächtigungenverteidigen immer ist er der Volkspädagog, dem die Einzelheitaus der Lebensgeschichte seines Volkes nur deshalb von Wichtigkeitist, weil er daraus Lehreu auch für die Gegenwart gewinnen will.Einzelne dieser Aufsätze haben sich zu ganzen Büchern erweitert:die Schrift über Karl Mathy , den vortrefflichen Volks- und Staats-mann (1869), eine der besten Biographien, die wir besitzen; unddas nicht so glückliche ErinnerungsblattDer Kronprinz nnd diedeutsche Kaiserkrone" (1889). Aber auch dann wurde die Schilde-rung der Hauptfigur nicht Selbstzweck; auch dann suchte Freytagin der Einzelgestalt vor allem den Schlüssel zu deutscher Eigen-art. Er grub so lange, bis er den Unterstrom des nationalenLebens jeder Epoche in dem Leben des einzelnen Dichters, desKünstlers, des Staatsmanns rauschen hörte.

Indem er aber eine große Anzahl solcher kulturhistorischenStudien zu denBildern aus der deutschen Vergangenheit"(18591862) vereinigte, vollbrachte er etwas völlig Neues. Eineannähernd lückenlose Reihe von objektiven Zeugnissen über das seelischeLeben typischer Einzelfiguren vom Anfang unserer Geschichte bis aufdie Gegenwart wurde in einen geistvollen Kommentar eingebettet,der jedesmal erläuterte, inwiefern jener Einzelne, dessen eigenesZeugnis ausgehobeu wurde, die deutsche Eigenart seiner Zeit ver-trat. Tief versenkte sich Freytag in die Individualitäten, die eraus seiner umfassenden Kenntnis deutschen Geisteslebens als typischerkannt hatte. Er hat uns auf diese Weise seelenvolle Bilderaus jedem Jahrhundert geliefert; neben dem Arzt Platter oderdem Bürgermeister Sastrow steht König Friedrich II. , neben demPietisten Petersen ein moderner Nationalist wie der alte Haupt.Am wohlsten ward es ihm, wenn er in den großen Befreiern derNation das Porträt zu einem Idealbild erweitern durfte, das inaller Treue begeisternd der Gegenwart vorleuchten sollte. So hater großartig wahr Luther gezeichnet, so in seinem unvergleichlichenBild des großen Friedrich ein würdiges Seitenstück zu der Bio-graphie geliefert, die Adolf Menzel malte. Alexander v. Sternberghat gesagt, Menzel male den König so packend, daß man ihm dieGedanken an der Stirn ablesen könne; Freytag hat ihn so greifbargezeichnet, daß man den Tabaksstaub auf der Weste glaubt abstäuben