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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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Bilder aus der deutschen Vergangenheit". 403

zu können. Wie schade, daß Freytag nicht dazn kam, Bismarcks Bildin gleicher Ausführung den beiden andern zuzugesellen! Aberdiese Vertiefung in die Individualität bleibt ihm, wir müssen eswiederholen, Mittel zum Zweck. Er studierte den Einzelnen, umüber die blasse Allgemeinheit der kulturhistorischen Sittenschilde-rnngen fortzukommen; er studierte die Einzelnen, um durch allenWechsel der Zeiten hindurch die Kontinuität des deutschen Geistes-lebens zu erkennen. Die Kontinuität nicht die Identität; dennvon der phrasenhaften Manier, mit der einst die Humanisten oderdie Altteutschen in Jahns Zeit allen Epochen die gleiche fehlerloseheldenhafte und gemütstiefe Idealität zuerkannt hatten, hielten ihnseine Ehrlichkeit und seine Kenntnisse gleich entschieden zurück. Soaber schrieb er eine Biographie, wie kein anderes Volk sie besitzt.Alle Seelenregungen, die die deutsche Nation durchzuckt habeu, alleBedenken, die ihre großen Entschlüsse begleiteten, alle hohen Ge-danken, die sie träumerisch im Haupte trug, fühlt er nach; und ihrekleinen Liebhabereien zeichnet er mit gleicher Liebe auf: wie dasdeutsche Volk trank und sich kleidete, was es zu lesen liebte undwie man sich anredete. Dabei nirgends ein kleinliches Versinkenins Detail, nirgends ein vages Einherschwimmen in Allgemeinheiten;nichts ist an dem einzig dastehenden Buch mehr zu bewundern alsder sichere Takt der Auswahl. Eine reichhaltigere Kulturgeschichtedes deutschen Volkes mag einmal geschrieben werden; eine groß-artigere wird nie geschrieben werden, keine, die mit gleicher Sicher-heit den Pnlsschlag der Volksseele zu belauschen wüßte.

Jene Idee der Stetigkeit veranlaßte ihn, aus denBildern"noch einen historischen Familienroman heraus zu destillieren:DieAhnen" (18721880). Es ist Wohl, äußerlich genommen, eineReihe von historischen Romanen; der Idee nach ist es doch nur eineGeschichte in mehreren Kapiteln. Wie Willibald Alexis , dem er einrührendes Wort nachgerufen hat, wie Walter Scott , den er stetsals Meister geehrt hat, faßte auch Freytag die Geschichte seinesVolkes als eine große Einheit und die historischen Momente nurals Augenblicke, in denen sich die Eigenart besonders hell offenbart.Diese Idee der Stetigkeit veranlaßt ihn, die Geschichte des deutschenVolkes an einer einzelnen Familie zu veranschaulichen, deren Gliederdurch allerlei wiederkehrende Züge in der Physiognomie, im Charakter,in den Schicksalen verbunden werden; er hat diese verbindendenGlieder in seinenLebenserinnerungen" selbst aufgewiesen und be-

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