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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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405
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Die Ahnen". 405

terie, mit der er überall die ersprießliche Nutzanwendung der eigenenErfahrungen im Auge behält. Allerdings, es war ein Leben, vondem wir lernen können. Und es ist ein Lebenswerk, das Größereals Freytag dem Glücklichen neiden könnten.

Nach Art und Tendenz, wenn auch uicht der Bedeutung nachist mit Freytag eine hervorragende Schriftstellerin eng verwandt,die er erst ans die Höhe allgemeiner Beachtung geführt hat: Luisevon Fran^ois (18171893). Auch sie hat sich in einem popu-lären Geschichtswerk versucht (Geschichte der Befreiungskriege"1873); sie teilt mit ihm den etwas trockenen Humor, vor allemaber die politisch-Pädagogische Tendenz. Ihr Schicksal erinnert(wie wir schon bemerkten) an das der gleich tapferen uud kräftigen,aber originelleren Betty Paoli . Auch Luise von Fran^ois erlebteohne eigene Schuld durch die eines treulosen Vormundesden völligen Verfall des ererbten, ursprünglich sogar glänzendenVermögens, und der Schlag wurde ihr noch auf das furchtbarsteverschärft: ihr Bräutigam, ein flotter, eleganter Offizier ließdarauf die Verlobung zurückgehen. Es war eine Erfahrung, diejede andere Frau verbittert hätte; dies edle Herz erzog es zumtiefsten Mitleid. Immer kehrt in ihren Gestalten diese Fignrwieder, der flotte, bezaubernde, aber gänzlich hohle Offizier; immerwird seine Verirrung, mag sie für das unbewachte weibliche Herznoch so verhängnisvoll werden, mit milder Vergebung wie eineNaturnotwendigkeit dargestellt. Die bildungsbegierige, von leiden-schaftlichem Ernst erfüllte junge Dame aber führte dies Erlebniszu tiefem Nachdenken über die Grundlagen unserer socialen Existenz.Das einst bildschöne, vornehme, reiche Edelfräulein saß vereinsamt undverarmt in Herzberg bei Weißenfels , ihrem Geburtsort (geb. 27. Juni1817), fast allein mit der gelähmten Mntter und dem erblindetenStiefvater dem Urbild des trotzigen, aber weichherzigen Oberstenin der NovelleSandel". In der Jugend hatteJungfer Grund-text", wie der Lehrer die fragelustige Schülerin nannte sie hatdiesen Beinamen mit andern Zügen ans die Hardine ihres großenRomans übertragen nur eben gelernt, was damals ein adligesFräulein lernen mußte; wie ihr Altersgenosse Gottfried Keller empfand sie den Mangel an Bildung bitter als eine Schranke, diesie von den Besten trennte, denen sie sich sonst zugehörig fühlte.Mit unablässigem Lesen und Lernen holte sie nach; vor allemaber hatte sie doch hier eins gelernt: den Abschen vor leeren,