406 1840—1850.
hohlen Ansprüchen, den Respekt vor ernster Zuverlässigkeit. Derhielt das Fräulein mit dem altmodisch-vornehmen Geschmack undder modern-liberalen Weltanschauung gern auch ein paar kleineGeschmacklosigkeiten zu gut, wie die zu deutlich lehrhafte, aberan vortrefflichen Momenten reiche Novelle „Phosphorus Hollundcr"zeigt. — Die äußere Bedrängnis führte die klare und entschlosseneHelferin der Ihrigen auch zur Schriftstellerei. Ihre Novellen er-schienen in den Zeitschriften, dann auch gesammelt; der große Roman„Die letzte Reckenburgerin" (1871) fand lange keinen Verleger,bis Otto Janke, der auch mit Willibald Alexis uud Otto Ludwig einseitig vorteilhafte Geschäfte gemacht hatte, ihn für 300 Markkaufte! Gustav Freytag entdeckte ihn, und von da ab war sieberühmt. Fritz Reuter hatte (wie ihre Biographin erzählt) dasBuch bestündig auf seinem Schreibtisch liegen; Karl Hillebrand bezeichnete den Roman als ein in unserer Litteratur fast einzigdastehendes Werk; C. F. Meyer wurde der Freund der Dichterin,und Marie v. Ebner-Eschenbach erklärte mit liebenswürdig über-strömendem Enthusiasmus, für die „Letzte Reckenburgerin" würdesie all ihre Werke hingeben! Die späteren Romane („Frau Erd-muthens Zwillingssöhne" 1873, „Stufenjahre eines Glücklichen"1877, „Der Katzenjunker" 1879) haben den Ruhm dieses Buchesnicht erreicht.
„Die letzte Reckenburgerin" bleibt unzweifelhaft übrig, wennman die Unmasse der deutschen Romane durch das engste Siebschüttet; von den Romanen nach Goethe mag kaum ein Dutzenddies Schicksal teilen. Was vor allem imponiert, ist die Rundungder Gestalten. Mit vollster Deutlichkeit erschaut stehen sie vor uns:Hardine, die Starke, Strenge, Untadlige, deren moralischer Rigoris-mus doch von dem Zauber sündhafter Lieblichkeit in ihrer bestricken-den Jugendfreundin entwaffnet wird; die Eltern, der Vater gut-mütig, läßlich, die Mutter hoheitsvoll — das typische Edelmannspaar,wie etwa Annettens Eltern waren oder die von Montanes „Effi Briest"oder das Ehepaar in seinem Roman „Unwiederbringlich". Danndas reizende Dorl selbst, unwiderstehlich auch in der Schilderungder sonst etwas kühlen Erzählerin, und der Doktor, wie mancheFigur und manches Erlebnis nach Jugenderinneruugen der Dichteringezeichnet, und, was vielleicht am schwersten war: die Herrin der„schwarzen Linie", deren fast gespenstische Figur durch gesunderealistische Züge von der Übeln Nomantik anderer Herrinnen in