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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
Seite
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Luise v. Frcmsvis,

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Turinzimmern (man denke nur an Dickens !) befreit ist; der Invalidund seine Gruppe. Dazu die mehr episodischen Gestalten, wie derPrinz, der vornehme Bewerber. Man hat gemeint, bei Luise vonFran^ois seien die Figuren ganz aus der Handlung heraus kon-struiert; ich kann die Meinung nicht teilen. Nur die gelegentlichetwas schematische Teilung in böse oder doch beschränkte konservativeStreber rechts, gute und tapfere liberale Heldenseelen links, die-in den Novellen (wie dem, später dramatisierten,Posten der Frau",demJubiläum") zuweilen verstimmt, liegt in milderer Form auchden Gestalten des Romans zu Grunde; aber angeschaut sind all dieseMenschen, die sich auf dem engen Raum des Schloßbezirks die Sonnestreitig machen. Die Komposition ist großlinig; besondere Künstehat die Erzählerin darin nie versucht, oder es sind altmodisch rück-schauende Berichte in Brief- oder Beichtform, Antworten auf un-motivierte Fragen. Die Naturschilderungen sind zu merkbar mitererbtem Apparat ausgebaut; der Stil ist ganz der Mensch: knapp,klar, ohne überflüssigen Schmuck. Das Ganze aber durchdriugt einePoesie, die mehr wert ist als der üppige Bilderreichtum manchervielgepriesenen Stilkünstler. Der herbe würzige Erdgeruch einer un-bedingten Ehrlichkeit verschmilzt mit dem Hauch einer milden,ruhigen Menschenliebe, für die jede Lehre eine gute That und jedegute That eine Lehre ist. Hierin ist ihr nur eben Marie v. Ebnervergleichbar, deren Talent allerdings uugleich vielseitiger und derengestaltenschaffende Kraft unendlich reicher ist.

Aus dem gleichen Geist, der Freytag und Luise v. Franc/oiszu dem machte, was sie sind, ist ein Dritter geboren, der größerist als beide: Gottfried Keller; und Theodor Fontane steht derGruppe sehr nah, wenn auch ganz eigentümliche Zuthaten ihnauszeichnen. Lehrhaft, bewußt lehrhaft sind sie alle; entschiedeneAnhänger der modernen Weltanschauung und ihrer liberalen Aus-prägung sind sie alle auch Fontane, trotz seinen konservativenAnfängen; selbständige Geister, originelle Stilisten, nachdenklicheEpigrammatiker sind sie alle. In manchen Punkten ist noch einFünfter zuzuzählen, dem aber abgeht, was sie vor allem kenn-zeichnet: echte Originalität; es ist Wilhelm Jordan , der klassischeTypus des Epigonen neben den vier mannhasten Bahnbrecherneiner neuen Dichtung.Politische Historiker" sind sie alle mit-einander, leidenschaftlich vertieft in das große Buch der Weltge-schichte und in ihm Prophezeiungen auf die Gegenwart und nächste