408 1840—1850.
Zukunft suchend, wie die Frommen in der Bibel. So bilden sieeine ganz bestimmte Gruppe für sich. Und an all diesen bedeut-samen Erscheinungen hat die wiedererweckte, tagfreudig gewordeneGeschichtsforschung deshalb ihr Verdienst.
Gottfried Keller ! Man kann den Namen nicht aus-sprechen, ohne daß die Augen Heller glänzen und die Herzenfreudiger klopfen. Seit Goethe ist er in unserer Litteratur dergrößte Schöpfergeist. Seine Kraft, vor uns lebende Welten auf-zubauen und uns mit der Wärme seiner Sonne zu erfüllen, wiees sonst nur die Wirklichkeit selbst vermag, ruht vor allem aufjener „Weltfrömmigkeit", die er an Goethe Preist, und die er mitden Besten seiner Zeit teilt. Das ist „die Pietät für allerlei Dinge,so man sieht", die er einmal „die gute Ackerkrume für gute Früchte"nennt; und aus dieser Anschauung heraus hat er früh uud ent-schieden „der Privatliebhaberei für das sogenannte spezifisch PoetischeAbschied gegeben". Keineswegs war damit aber einfach die Kunst-lehre des Naturalismus gegeben. Nicht nur der gereifte Kellerhat die Skizzenjagd der Schüler Zolas in den „MißbrauchtenLiebesbriefen" köstlich parodiert — auch schon der junge hat anHettner geschrieben: „Wenn es in gleicher Mühe zugeht, so will ichdoch lieber schöne Worte hören als triviale." Was ihn nun aberhier bestimmte, was ihn zeitlebens für Schiller wie für keinenzweiten schwärmen ließ — das war seine pädagogische Auffassungder Poesie. So klar und energisch wie nur möglich hat er sie ineinem Brief an Auerbach (vom 25. Juni 1860) ausgesprochen:
Ich halte es für Pflicht eineS Poeten, nicht mir das Vergangene zuverklären, sondern das Gegenwärtige, die Keime der Zukunft so weit zu ver-stärken und zu verschönern, daß die Lente noch glauben könuen: ja, so seiensie, und so gehe es zu. Thut man dies mit einiger wohlwollenden Ironie,die dem Zeuge das falsche Pathos nimmt, so glaube ich, daß das Volk das,was es sich gutmütig einbildet zu sein und der innerlichsten Anlage nachauch schon ist, zuletzt in der That und auch äußerlich wird. Kurz, manmuß . . . dem allezeit tüchtigen Nationalgrnndstock stets etwaS Bessereszeigen, als er schon ist; dafür kann man ihn auch um so herber tadeln,wo er es verdient.
Diese Grundsätze hat Keller in seiner dichterischen Thätigkeitstets zur Wahrheit gemacht. „Am meisten", bekannte C. F. Meyer,„imponierte mir seine Stellung zur Heimat, welche in der That dereines Schutzgeiftes glich: er sorgte, lehrte, predigte, warnte, schmollte,strafte väterlich nnd sah überall zu dem, was er für recht hielt."