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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
Seite
409
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Gottfried Keller ,

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Was aber hielt er für recht? Er sprach es mit dem Schlagwortunserer Klassiker aus:Was ewig gleich bleiben muß, ist das Be-streben nach Humanität, in welchem uns jene Sterne, Goetheund Schiller, wie diejenigen früherer Zeiten, vorlenchten. WaSaber diese Humanität jederzeit umfassen solle: dieses zu bestimmen,hängt nicht von dem Talente und dem Strebeu ab, sondern vonder Zeit und der Geschichte."

Dies ist der Grundaccord, auf dem sich Kellers Lebenswerkaufbaut. Seine Dichtung ist so groß und so lebensfrisch, weil siemit Notwendigkeit aus diesen großen nnd gesunden Ideen floß:sein Leben hat, wie man mit Recht bemerkt hat,einen Bruch",seiue Erscheinung eine höchst verwundbare Stelle, weil es ihm nicht(wie Lessing , Goethe, Schiller, die er eben deshalb so hoch ver-ehrte, oder auch wie seinem Liebling Freiligrath) gelang, einganzerMann" im Sinne seines eigenen Ideals zu werden. Er gabfremden Verfehlungen die Schuld; schwerlich mit vollem Recht.Es lag auch schon in seiner genialen Veranlagung etwas, was beider geringsten Begünstigung von außen her zu einem solchen Bruchin der Entwickelung führen konnte;denn", wie es in KellersMärchen von Spiegel dem Kätzchen heißt,jede Kreatur wächst sichuach ihrer Weise aus."

Betrachten wir nun diese wunderbareKreatur" und ihreWeise etwas näher!

Mit Ausnahme des einzigen Nietzsche giebt es Wohl keinenneueren Autor, über dessen Leben und Entwickelung so reichlicheund vortreffliche Quellen vorliegen wie über Keller. Die Gefahr,daß die romanhafte nnd in den letzten Teilen ganz freie Umge-staltung seiner Jugendzeit imGrünen Heinrich " die thatsächlichenVerhältnisse verdunkelt, ist durch das etwas schwerfällige, sonst aberin Auswahl der Briefe und Belege ausgezeichnete Werk von JakobBächtold behoben. Gottfried Keller war von früh auf eure merkwürdigePersönlichkeit; wer ihn kennen lernte, interessierte sich für das originelleMenschenbild. Dazu waren seine Briefe fast durchweg schriftstellerischeLeistungen von packender Eigenart, die jeder Empfänger sorgfältigaufbewahrte; und unter seinen Korrespondenten waren zahlreichMänner wie Hettner, Anerbach, Freiligrath, Heyse, Storm, die zuÄußerungen über die wichtigsten Fragen Gelegenheit gaben. Erselbst hat auch in Zeiten, in denen er nichts veröffentlichte, vielerleigeschrieben, in den früheren Jahren auch nicht ungern von seineu