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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
Seite
410
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410 18401850.

Plänen und Absichten geplaudert. Wir sind über ihn sicherlichausreichend unterrichtet. Und dennoch wie schwer ist es, zu derIndividualität selbst zu gelangen! wie manches muß Vermutungbleiben!

Gottfried Keller (18191890) wurde am 19. Juli 1819in der zürcherischen Gemeinde Glattfelden geboren. Sein Vater warein tüchtiger, strebsamer Drechslermeister, der aber schon 1824 starb;die Mntter war eine tapfere, verständige, aber fast zu nüchterne Frau.Jede Hausfrau verleiht, auch wenn die Rezepte ganz die gleichen sind,doch ihren Speisen durch die Zubereitung einen besonderen Geschmack,welcher ihrem Charakter entspricht. Die Speisen meiner Mutterhingegen ermangelten, so zu sagen, aller und jeder Besonderheit.Ihre Snppe war nicht fett und nicht mager, der Kaffee nicht starkund nicht fchwach, sie verwendete kein Salzkorn zu viel und keineshat je gefehlt." Man begreift, daß ein phantasievolles und originellesGemüt durch diesen Gegensatz nur um so stärker auf die Ein-bildungskraft und Einbildungslust hingelenkt werden mußte, diedem Knaben von vornherein eigen war. Er war ein Träumer;er hatte seine Lügenperiode, wie viele begabte Kinder, für derenErfindungslust sich noch kein anderes Ventil öffnet. Der Jünglingläßt sich durch jedes Buch zu nachahmender Produktion anreizen.Jeder Anblick giebt ihm Stoff zum Weiterführen, Weiterspinnen.Wie, das ist zunächst Nebensache; die farbigere, lustigere Kunst desMalers scheint ihm vorerst dienlicher als die des Erzählers. Aberauch das einfacheBasteln", das spielerische Pappen und Zu-sammenkleistern spielt in den abenteuerlich-kunstvollen Jnventar-stücken der Seldwyler mindestens so stark mit, wie die Vorbilderder Romantik, auf die Bächtold verwiesen hat. Das wunderbareBuchbinderwerk der Jungfer Züs Bünzlin in Gedanken zurecht zubasteln, hat ihm vermutlich mehr Vergnügen gemacht als manchertiefe Weisheitsspruch.

Aber dies spielende Behagen an der Existenz und der eigenenGestaltungskrast bedürfte des Gegengewichtes einer strengen Leitung,einer festen Lenkung auf bestimmte Ziele. Die konnte die Mntternicht gebeu; und auch die Schule versäumte ihre Pflicht. OriginelleSchüler sind selten die Lieblinge pedantischer Lehrer; einen Hinter-halt an hohen Gönnern hatte der arme Sohn der einsamenDrechslerswitwe anch nicht. Was Wunder, daß bei irgend einerGelegenheit, woein Exempel zu statuieren war", gerade der Gott -