Kellers Jugend,
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fried Keller (1834) aus der Schule flog? Er hat all sein Leb-tag das als das größte Unrecht, das ihm geschehen, und als dasgrößte Unglück, das ihm widerfahren, angesehen. Das heißegeistiges Leben köpfen, sagte zornig noch der reife Mann. Währenddie Romantiker den nicht genügend bedanern können, den „derpedantische Zwang der Schule um seine Originalität betrügt", hatKeller, sicherlich ein Originalgenie, die Unterbrechung seiner geistigenBildung als unaustilglichen Schaden beklagt. Der Schade ist da.Gottfried Keller , so viel er später gelesen, studiert, sich angeeignethat, vermochte es niemals, gewisse Lücken seiner Bildung ganz aus-zufüllen. Es waren aber nicht sowohl Lücken des Wissens als derErziehung. Er blieb in einer Weise undiscipliniert, die er selbstbitterlich empfand. Durch alle Feinheit des Weltweisen brach plötzlichder Naturbursche durch. Der schon als Jüngling die Thränenverabscheute, konnte plötzlich in ausgelassener Gesellschaft um einenverlorenen Spazierstock (oder vielleicht eher um den Eindruck, deuder Verlust ihm machte!) wie ein Kiud weinen oder auch sonst infast grotesker Weise „losheulen". Schlimmer waren die ganz un-kontrollierbaren Wntausbrüchc. Urplötzlich sprang der kleine rundlicheMann mit den großen Augengläsern, durch irgend ein unschuldigesWort gereizt, wütend auf, zerschlug die Gläser oder schlug aucheinfach auf den oft völlig harmlosen Tischgast los. Und je stärkerdiese vulkanischen Unerzogenheiten verblüffen mußten, desto arg-wöhnischer beobachtete Keller seine Umgebung. Das Schlimmsteaber war, daß das Vertrauen zum eigenen Ich fehlte. Haltungslos,schwankend irrt er durch die Jugendjahre — eine interessanteRomaufigur, aber eben kein erbaulicher Charakter. Schließlich istdoch seiner Kuust auch dies Irren zum Besten gediehen; seinemLeben nicht.
Um der ununterbrochenen inneren Produktion zum Ausdruck zuverhelfen, bleibt er zunächst bei der Malerei — auch von praktischenRücksichten geleitet. Dichter-Maler waren, wie Bächtold bemerkt, ge-rade in Zürich keine Seltenheit; auch Ulrich Hegner (1759—1840)gehörte dazu, der Autor der „Molkenkur", des ersten echt schweize-rischen Romans und zugleich ein treuer Schüler Goethes. Aber nebenbeitrieb Gottfried Keller die Dichtung fort, und oft einigte sich beides,indem er malerische Entwürfe breit beschreibend ausführte. SchlechteLehrer ließen ihm wieder das entgehen, was er am nötigsten brauchte:strenge Zucht. Ein guter Freund liest ihm einmal (1841) in einem