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ernste Liebe. Da schrieb nun der arme Kerl in seiner Herzens-bedrängnis den wundersamsten Liebesbrief, der je geschrieben wurde,in seiner Mischuug von barockem Ernst nnd tragischer Selbstironieein Dokument, wie es nur seine kühnste Erfindung einer seinerFiguren hätte diktieren kvnueu:
Ich bin noch gar nichts und muß erst werden, was ich werden will,und bin dazu ein unansehnlicher armer Bursche: also habe ich keineBerechtigung, mein Herz einer so schönen und ausgezeichneten jungeu Dameanzutragen, wie Sie sind. Aber wenn ich einst denken müßte, daß Sie-mir doch ernstlich gut gewesen waren, und ich hatte nichts gesagt, so wäredas ein sehr großes Unglück für mich, nnd ich könnte es nicht wohl er-tragen. Ich bin es also mir selbst schuldig, daß ich diesem Zustande einEnde mache; denn denken Sie einmal, diese ganze Woche bin ich wegenIhnen in den Wirtshäusern herumgestrichen, weil es mir angst uud bangist, wcnu ich allem bin. . .Solche Liebesbriefe halber auch später uoch geschrieben, alsihn die Leidenschaft zu der schönen und geistvollen Johanna Kapppackte. „Meine Jugend ist nun vorüber, uud mit ihr wird auchdas Bedürfnis nach einem jugendlich poetischen Glücke schwinden;vielleicht, wenn es mir in der Welt sonst gut geht, werde ich auchein fröhlicher Mensch, der diesen oder jenen Winterschwank auf-führt. Meiu Herz aber eiuem liebenden Weibe noch als bareMünze anzubieten, dazu, dünkt mich, habe ich es nun schon zu sehrabgebraucht..." Kann man sich wundern, daß der eifrige Ehe-prediger nnvermühlt blieb, und daß nur die Schwester Regula, treuund tugendsam, aber die Verkörperung aller bedrückenden Enge undKulturlosigkeit, dem gealterten Dichter die letzten Jahre mit kümmer-lich zumessender Liebe versorgte?
Endlich kam Rettung. Dem verdurstenden Pilgrim eröffnetedie Hilfe feines väterlichen Staats den Weg zur weiteren Aus-bildung. Er eilte uach Heidelberg , nnd er hatte es gut getroffen.Die beiden Jahre, die er dort (1848—1850) studierte, siud dasFundament seiner ganzen dichterischen Größe geworden. Hier lehrte,in voller Blüte seines anregenden Talents, Hermann Hettner (1821—1882), auch er ein „politischer Historiker" aus dem Bodeuder Kunst- und Litteraturgeschichte; hier hörte er den geistvollen An-thropologen Jakob Henle (1309—1885), dessen lebendige Schilde-rung des menschlichen Organismus er sich freilich sofort ins Male-rische übersetzte:
So sah ich den Kreislauf des BlutcS gleich in Gestalt eineS prächtigenPurpurstromes, an welchem wie ein bleicher Schemen daS weißgraue Nerven-