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wesen saß, eine gespenstische Gestalt, die, in'den Mantel ihrer Gewebe ge-hüllt, begierig trank und schlürfte und die Kraft gewann, sich proteusartigin alle Sinne zu verwandeln. Oder ich sah die Millionen sphärischerKörper, welche ebenso ungezählt und dem bloßen Auge ebenso unsichtbar,wie die Heerscharen der Himmelskörper, das Blut bilden, durch tausendKanäle dahinstürmen und auf ihren Fluten unaufhörlich die Blitze desNervenlebens . . .
Keine Stelle kann von Kellers Art, die Wirklichkeit gleichzeitigfestzuhalten und doch zum schönen Märchen umzudichten, eine deut-lichere Vorstellung gebeu. >
Vor allem aber vertiefte er sich in die Philosophie, die LudwigFeuerbach mit der hinreißenden Kraft seiner Entdeckerfrende undBefreiungslnst vortrug. Sie übte auf seine innere Produktion einenso mächtigen Einflnß, wie die Bekanntschaft mit Spinoza einstauf Goethe.
Von Heidelberg wandte sich Keller nach Berlin (1850—1855).Wie Heidelberg die Zeit entscheidenden Raffens, so ist dies nachBächtolds Wort die des entscheidenden Schaffens. Die Hauptstadt,auf die Keller nach alter Dichtergewohnheit bestündig schalt, undderen Litteratenkreise ihm vielfach Grund genug zum Schelten boten,hat ihn doch endlich in die Bahn gebracht, für die er geschaffenwar. Die „Gedichte" hatte die Revolution „vom Tisch gewischt";jetzt entstand (1851) eine Sammlung „Neuere Gedichte", die diewertvollsten Proben seiner Lyrik enthält. Hier ward (1851—1855)der „Grüne Heinrich" fertig; hier auch der erste Band der „Leutevon Seldwyla " (1856) — die beiden bezeichnendsten Werke, die erüberhaupt geschaffen hat, deren Originalität spätere, zum Teil reifereWerke nicht erreicht haben. Die „Leute von Seldwyla" find 1854bis 1855 „in einem glücklichen Zuge" niedergeschrieben; der zweiteTeil gehört erst der Staatsschrciberzeit an. Dagegen fällt auch derPlan der „Sieben Legenden" noch in die Berliner Zeit. Sie hatfür Keller die gleiche Bedeutung wie der Münchener Aufenthaltfür Ibsen : sie gab ihm die Möglichkeit, überreiche Keime in Mnße— deren er sich beim „Grünen Heinrich " nur zu viel gönnte! —zur Entfaltung zu bringen. Sie machte ihn zwar nicht zum be-rühmten Manne — noch bei der Zürcher Feier feines 50. Geburts-tages war er trotz aller Bemühungen Wischers, Auerbachs, Hettnersim „Reich" fast unbekannt, und erst Anfang der siebziger Jahrebegann sein Ruhm zu steigen und sich zu verbreiten. Aber wenner auch noch nicht berühmt ward, eine sichere Geltung hatte seiu