Keller in Berlin und Zürich . 415
Name doch von jetzt an. Kenner wie Scherer und Heyse undStorni wußten, von wo vor allem noch Schönes und Großes fürunsere Litteratur zu erwarten war.
Als ein gereifter Mann kehrte der Dichter (Dezember 1855)nach Zürich Heini. Noch war zwar die bürgerliche Existenz nichtnach Wunsch gesichert; aber das verstand sich doch jetzt von selbst,daß die geistige Aristokratie der damals so reich gesegneten altenSchweizerstadt ihn als ihresgleichen aufnahm: Fr. Th. Bischer, dergroße Architekt Semper, Richard Waguer, dazu Besucher wie Barn-Hagen, Heyse, der alte Freund Hettner. Man nahm sich seinereifrig an, suchte ihn auf dem damals für Dichter beliebten Wegeder Professur für Litteraturgeschichte zu versorgen, verschaffte ihmendlich zu allgemeinem Erstannen ein wichtiges öffentliches Amt:er wurde (14. Sept. 1861) erster Staatsschreiber von Zürich .
Kein Wort hatte die Männer der romantischen Lebensführnngmit solchem Entsetzen erfüllt wie das Wort „Schreiber" — undnun gar „Staatsschreiber"! „Willst du vielleicht wie eine matteFliege im Tintenfaß ersaufen?" schrieb (1820) Philipp Wackernagel an seinen Bruder, den Germanisten Wilhelm. „Siehe die Schreiberan, die Schlacken, ausgebrannt, die Geister, ausgemergelt!" Aberdem Staatsschreiber von Zürich bekam die „Schreibsron" ganztrefflich. Es ging ihm wie den Heiligen seiner „Legenden", die sichdoch erst recht wohl fühlen, nachdem sie aus dem himmelstürmen-den Idealismus in den Hasen der bürgerlich-gemächlichen Existenzeingelaufeu sind. Scheint das der Großmanussucht einiger ucuesterWeltverächter „philiströs", so sehe ich in Kellers Auffassung nur dierechte Konsequenz der Weltfrömmigkeit des Dichters, für den eine jedeTüchtigkeit zu den duftenden Blumeu der Lebcnsflur gehört. Nichtshat ihm mehr imponiert als männliche auf ein Ziel gerichtete Thätig-keit, und an seinem Ideal Schiller vergaß er nicht zu rühmen,daß er auch selbst die Verpackung der „Hören" besorgt habe. DieReize — nnd die Gefahren ungebundenen Umhcrfahrens kannte erzur Genüge. Nun hatte er ein Amt, das ihm zugleich reichlicheVersorgung und reichliche Arbeit gab. „Es giebt wohl keinenDichter," sagt Frey, „der seinen Namen so oft unterzeichnete wieKeller: annähernd zweimalhunderttausendmal wird er es gethanhaben: auch dürfte keiner je so viel Manuskripte angefertigt haben:allermindestens 200 Bände, im Format seiner Werke gerechnet,liegen noch in den Archiven." Er ward ein musterhafter Beamter,